Warum dauert die Stimmenauszählung in Kalifornien so lange? Die wichtigsten Gründe

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Einleitung: Ein Phänomen, das Wahljournalisten fasziniert

Kaum ein politisches Phänomen in den USA erzeugt so regelmäßig Verwirrung und Ungeduld wie die scheinbar endlose Stimmenauszählung in Kalifornien. Während andere Bundesstaaten ihre Ergebnisse oft noch am Wahlabend oder in den frühen Morgenstunden des Folgetags bekanntgeben, kann es in Kalifornien Wochen dauern, bis alle Stimmen ausgezählt und zertifiziert sind. Das ist kein Zeichen von Versagen oder Ineffizienz – sondern das direkte Ergebnis eines Systems, das auf maximale Beteiligung, Zugänglichkeit und Genauigkeit ausgelegt ist.

Für deutsche Beobachter, die an die schnelle Auszählung bei Bundestags- oder Landtagswahlen gewöhnt sind, wirkt der kalifornische Prozess rätselhaft. Doch hinter den Verzögerungen steckt eine komplexe Mischung aus demografischen Realitäten, gesetzlichen Vorschriften, technischen Anforderungen und bewussten politischen Entscheidungen. Dieser Artikel erklärt systematisch, welche Faktoren die Auszählung verlangsamen – und warum viele dieser Faktoren als Stärke, nicht als Schwäche des Systems gelten.


Faktor 1: Die schiere Größe Kaliforniens

Kalifornien ist mit rund 39 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Bundesstaat der USA. Bei Präsidentschaftswahlen werden typischerweise zwischen 17 und 22 Millionen Stimmen abgegeben – mehr als in vielen europäischen Ländern zusammen. Allein der County Los Angeles umfasst über 10 Millionen Einwohner und hat mehr Wahlberechtigte als 44 der 50 US-Bundesstaaten.

Diese Masse an Stimmzetteln muss physisch bearbeitet werden: geöffnet, geprüft, sortiert, eingescannt und in Datenbanken erfasst. Selbst mit modernster Technik und einem großen Mitarbeiterstab dauert das. In Wahlbezirken (englisch: „precincts”) mit wenigen hundert Stimmzetteln geht das schnell – in urbanen Großbezirken mit Hunderttausenden von Einsendungen ist die logistische Aufgabe enorm.

Zur Einordnung: Bayern hat bei der Landtagswahl 2023 rund 7,4 Millionen gültige Stimmen verarbeitet – und das in einem Bundesland mit einer gut geölten, jahrzehntelang eingespielten Infrastruktur. Kalifornien muss das Dreifache davon bewältigen, unter komplexeren rechtlichen Bedingungen und mit einem System, das erst in den letzten Jahren radikal umgebaut wurde.


Faktor 2: Das universelle Briefwahlsystem

Seit 2021 gilt in Kalifornien ein automatisches Briefwahlsystem (englisch: „universal vote-by-mail”): Alle registrierten Wählerinnen und Wähler erhalten automatisch einen Stimmzettel per Post zugeschickt, ohne dass sie einen Antrag stellen müssen. Das erhöht die Beteiligung erheblich – aber es verlängert auch den Auszählungsprozess drastisch.

Briefwahlstimmen kommen nicht alle gleichzeitig an. Manche Wählerinnen schicken ihren Stimmzettel Wochen vor dem Wahltag ab, andere werfen ihn erst am letzten Tag in den Briefkasten. Die Wahlbehörden müssen mit einem kontinuierlichen Eingang von Briefen umgehen, der sich über Wochen erstreckt.

Erschwerend kommt hinzu, dass Briefwahlstimmen in Kalifornien noch bis zu sieben Tage nach dem Wahltag ankommen und trotzdem gezählt werden dürfen – vorausgesetzt, der Umschlag trägt einen Poststempel vom Wahltag oder früher. Das bedeutet: Die Auszählung kann strukturell erst eine Woche nach der Wahl abgeschlossen sein, selbst wenn alles reibungslos läuft.


Faktor 3: Das mehrstufige Unterschriftenprüfverfahren

Jeder Briefwahlstimmzettel in Kalifornien muss von der Wählerin oder dem Wähler unterschrieben werden. Diese Unterschrift wird dann mit der Unterschrift verglichen, die bei der Wählerregistrierung hinterlegt wurde. Stimmen die Unterschriften nicht überein oder fehlt die Unterschrift ganz, wird der Stimmzettel zunächst zurückgehalten.

Dann greift ein Heilungsverfahren (englisch: „ballot curing”): Die Behörde kontaktiert die betroffene Person und gibt ihr die Möglichkeit, den Fehler zu korrigieren. Dafür haben Wählerinnen und Wähler nach dem Wahltag in Kalifornien 28 Tage Zeit. Das ist bürgerfreundlich und verhindert, dass Stimmen durch Formfehler verloren gehen – aber es verlängert die endgültige Auszählung erheblich.

In Los Angeles County beispielsweise werden bei großen Wahlen Zehntausende von Stimmzetteln durch diesen Heilungsprozess gerettet. Jede dieser Stimmen erfordert menschliche Bearbeitung: Anruf oder Brief an die Wählerin, Überprüfung der Korrektur, Eingabe in das System. Das kostet Zeit.


Faktor 4: Vorläufige Stimmzettel und provisorische Stimmen

Ein weiterer Faktor sind sogenannte vorläufige Stimmzettel (englisch: „provisional ballots”). Diese werden ausgestellt, wenn es an einem Wahllokal Zweifel an der Wahlberechtigung einer Person gibt – etwa wenn die Person nicht in der Wählerliste auftaucht, kürzlich umgezogen ist oder bereits als Briefwähler registriert wurde, aber dennoch persönlich erscheint.

Vorläufige Stimmzettel werden zunächst gesammelt und erst nach einer gründlichen Überprüfung gezählt – die in Kalifornien gesetzlich vorgeschriebene Frist beträgt bis zu 38 Tage nach dem Wahltag. Diese Stimmzettel machen bei manchen Wahlen mehrere Prozent aller abgegebenen Stimmen aus. In einem bevölkerungsreichen Bundesstaat wie Kalifornien sind das Hunderttausende von Stimmzetteln.

Jeder einzelne dieser Stimmzettel erfordert eine individuelle Überprüfung: Ist die Person wirklich wahlberechtigt? Wurde bereits eine andere Stimme von ihr gezählt? Hat sie im richtigen Wahlbezirk gewählt? Diese Fragen können nicht automatisch beantwortet werden – sie brauchen menschliche Prüfung.


Faktor 5: Die Komplexität des kalifornischen Wahlzettels

Wer noch nie einen kalifornischen Wahlzettel gesehen hat, unterschätzt leicht seine Komplexität. Bei Präsidentschaftswahlen enthält ein typischer Wahlzettel in Kalifornien nicht nur die Wahl des Präsidenten oder der Senatsmitglieder, sondern auch:

  • Mehrere Volksabstimmungen auf Bundesstaatsebene (sogenannte „Propositions”), von denen es manchmal über ein Dutzend gibt
  • Regionale Abstimmungen auf County-Ebene
  • Lokale Abstimmungen auf Gemeinde- oder Bezirksebene
  • Richterwahlen und andere Ämter

Ein vollständiger Wahlzettel in Los Angeles kann mehr als zwei Seiten umfassen und über 30 separate Entscheidungen enthalten. Das bedeutet: Jede einzelne Zeile muss maschinell oder manuell erfasst werden, jede Abstimmung hat ihre eigene Auszählungskette. Ein Fehler bei der maschinellen Erkennung eines unleserlichen Kreuzchens führt dazu, dass der gesamte Stimmzettel zur manuellen Überprüfung aussortiert wird.

Die Volksinitiative (Propositions-System) ist ein Kernbestandteil der direkten Demokratie in Kalifornien und politisch nicht wegzudenken – aber sie multipliziert den Bearbeitungsaufwand pro Stimmzettel erheblich.


Faktor 6: Gesetzliche Fristen und Zertifizierungsprozesse

Für Deutschland ungewohnt ist, dass in den USA die Wahlgesetze auf Bundesstaatsebene gemacht werden – es gibt keine einheitliche nationale Wahlbehörde wie in Deutschland das Bundeswahlamt. Jeder der 58 Counties in Kalifornien ist eigenverantwortlich für die Durchführung der Wahl in seinem Gebiet.

Das californische Wahlrecht setzt dabei Fristen, die auf maximale Inklusion ausgerichtet sind:

  • 28 Tage nach dem Wahltag: Frist für die Heilung von Unterschriftenproblemen
  • 30 Tage nach dem Wahltag: Frist für die endgültige Auszählung aller Stimmzettel
  • 38 Tage nach dem Wahltag: Frist für die Bearbeitung vorläufiger Stimmzettel
  • 40 Tage nach dem Wahltag: Zertifizierung durch die Counties

Erst wenn alle 58 Counties ihre Ergebnisse zertifiziert haben, werden die Stimmen auf Staatsebene zusammengezählt und der Staatssekretär (englisch: „Secretary of State”) zertifiziert das Gesamtergebnis. Dieser gesetzlich vorgeschriebene Zeitplan kann nicht einfach verkürzt werden – er ist Teil des Rechtsrahmens.


Faktor 7: Historisch gewachsene Infrastruktur und begrenzte Ressourcen

Viele County-Wahlbehörden in Kalifornien haben mit veralteter Infrastruktur zu kämpfen. Wahlen finden vergleichsweise selten statt (alle zwei Jahre bei Bundeswahlen, dazu Sonderwahlen), was es schwer macht, dauerhafte Investitionen in hochmoderne Auszähltechnik zu rechtfertigen.

Zudem sind Wahlbehörden öffentliche Einrichtungen mit begrenzten Budgets. Das Ergebnis: In manchen Counties werden Stimmzettel mit älteren Scan-Geräten verarbeitet, die langsamer arbeiten als neuere Modelle. Personal muss für Wahltage teilweise befristet eingestellt und geschult werden – und qualifiziertes Personal für die Unterschriftenprüfung und die Bearbeitung von Sonderfällen ist knapp.

Nach jeder Wahl gibt es in Kalifornien Debatten über Investitionen in die Wahlinfrastruktur. Einige Counties haben in den letzten Jahren erheblich modernisiert – Los Angeles County hat beispielsweise ein neues Wahlzentrenmodell (englisch: „Voting Solutions for All People” oder VSAP) eingeführt, das persönliche Abstimmung in großen Zentren mit moderner Technologie verbindet. Aber solche Reformen brauchen Zeit und Geld.


Faktor 8: Politische und kulturelle Faktoren

Es wäre unvollständig, die strukturellen Gründe ohne den politischen und kulturellen Kontext zu erläutern. In Kalifornien gibt es eine tief verwurzelte politische Kultur der direkten Demokratie und des Misstrauens gegenüber schnellen, intransparenten Prozessen. Wählerinnen und Wähler sowie Bürgerrechtsorganisationen haben historisch dafür gekämpft, dass möglichst wenige Stimmen verloren gehen – auch wenn das auf Kosten der Geschwindigkeit geht.

Die gesetzlichen Regeln, die eine langsame Auszählung ermöglichen (wie die sieben-Tage-Frist für Briefwahleingang), sind politisch durchgesetzt worden, weil sie die Beteiligung erhöhen. Das ist eine bewusste Abwägung: Schnelligkeit versus Vollständigkeit.

Außerdem haben Auszählungsstreitigkeiten und Vorwürfe der Wahlmanipulation in den USA insgesamt zu einem politischen Umfeld geführt, in dem Wahlbehörden extrem vorsichtig sind. Jeder Fehler, jede Nachlässigkeit wird in der politisch aufgeheizten Atmosphäre der USA sofort zur Schlagzeile. Das erhöht den Druck, sorgfältig – und damit langsamer – vorzugehen.


Vergleich mit Deutschland: Warum geht es dort schneller?

Deutsche Wahlen werden traditionell sehr schnell ausgezählt – in der Regel liegen Hochrechnungen mit sehr hoher Genauigkeit bereits wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale vor, und vorläufige Endergebnisse sind am Wahlabend bekannt.

Dafür gibt es strukturelle Gründe:

  1. Zentrale Organisation: Der Bundeswahlleiter koordiniert die Wahl nach einheitlichen Standards. In den USA gibt es keine vergleichbare zentrale Behörde.

  2. Keine automatische Briefwahl: In Deutschland gilt nach wie vor das Prinzip der persönlichen Stimmabgabe im Wahllokal als Regelfall. Briefwahl ist möglich, aber der Anteil ist geringer und die Logistik entsprechend einfacher.

  3. Standardisierte Stimmzettel: Deutsche Wahlzettel sind vergleichsweise einfach – Erst- und Zweitstimme bei Bundestagswahlen. Keine langen Volksabstimmungslisten.

  4. Dezentrale, aber homogene Strukturen: Die Auszählung erfolgt in kleinen Wahllokalen durch geschulte Wahlhelfer und ist in kürzester Zeit abgeschlossen, weil die Stimmzettelmengen pro Einheit überschaubar sind.

  5. Historisch stabile Infrastruktur: Das Wahlsystem in Deutschland ist seit Jahrzehnten weitgehend unverändert und die Behörden sind entsprechend eingespielt.

Das bedeutet nicht, dass das deutsche System besser ist – es ist anders und auf andere gesellschaftliche Prioritäten ausgerichtet. Aber der Vergleich verdeutlicht, warum Länder mit starker Briefwahl und komplexen Stimmzetteln strukturell längere Auszählzeiten haben.


Reformen und Ausblick

Kaliformien unternimmt Anstrengungen, die Auszählung zu beschleunigen, ohne die Inklusion zu gefährden. Einige Maßnahmen, die in den letzten Jahren umgesetzt oder diskutiert wurden:

  • Vorauszählung von Briefwahlstimmzetteln: Wahlbehörden dürfen Briefwahlstimmen bereits vor dem Wahltag verarbeiten (scannen und erfassen), sobald sie eingehen. Das Ergebnis darf erst nach Schließung der Wahllokale veröffentlicht werden, aber die technische Arbeit kann früher beginnen.

  • Modernisierung der Scan-Infrastruktur: Mehrere Counties haben in schnellere Hochleistungsscanner investiert.

  • Digitale Signaturüberprüfung: Technologien zur automatisierten Unterschriftenprüfung werden erprobt, um menschliche Prüfkapazitäten zu entlasten.

  • Bessere Wählerinformation: Kampagnen, die Wähler dazu ermutigen, Briefwahlstimmen früh abzuschicken oder in Briefkästen der Wahlbehörden einzuwerfen statt per Post zu schicken, reduzieren die Anzahl der spät eingehenden Stimmzettel.


Fazit: Langsamkeit als Feature, nicht als Bug

Die langsame Stimmenauszählung in Kalifornien ist kein Versagen des Systems. Sie ist das direkte Ergebnis von Entscheidungen, die für mehr Beteiligung, mehr Zugänglichkeit und mehr Genauigkeit getroffen wurden – auf Kosten von Schnelligkeit.

Wer verstehen will, warum Kalifornien Wochen für die Auszählung braucht, muss die Summe der Faktoren betrachten: die immense Bevölkerungszahl, das universelle Briefwahlsystem, die langen gesetzlichen Fristen für späte Briefwahlstimmen, das Heilungsverfahren für fehlerhafte Stimmzettel, die komplexen Volksabstimmungen auf den Wahlzetteln und die dezentrale Struktur mit 58 eigenständigen Counties.

Jeder dieser Faktoren ist für sich genommen erklärbar und politisch vertretbar. Zusammen ergeben sie ein System, das maximale Inklusion zum Ziel hat – und dafür eine verlängerte Auszählungsperiode in Kauf nimmt. Ob das die richtige Abwägung ist, darüber lässt sich streiten. Dass es eine bewusste Abwägung ist, steht außer Frage.

Für internationale Beobachter gilt: Wenn Kalifornien drei Wochen nach dem Wahltag noch auszählt, ist das kein Alarmsignal – es ist der Plan.


Dieser Artikel wurde auf Basis öffentlich verfügbarer Informationen des California Secretary of State, des Los Angeles County Registrar-Recorder und einschlägiger politikwissenschaftlicher Quellen erstellt.

MW
Marco Weiss

Author of Leicht Gewandert. Sharing insights and practical tips on topics that matter.