The Strokes: Geschichte, Alben und die anhaltende Relevanz einer Indie-Rock-Legende
Jetzt habe ich genug Material für einen umfassenden deutschen Artikel. Ich schreibe ihn jetzt.
New York, Lower East Side – wo eine Revolution begann
Es gibt Bands, die Musik machen. Und es gibt Bands, die die Richtung der Musik für ein ganzes Jahrzehnt neu bestimmen. The Strokes gehören zur zweiten Kategorie.
Als die fünf Freunde aus New York City Ende der 1990er-Jahre in den verrauchten Clubs des Lower East Side auftraten, konnten sie nicht wissen, dass sie dabei waren, eine Bewegung auszulösen. Mit zerrissenen Lederjacken, einer scheinbar lässigen Gleichgültigkeit und einem Sound, der nach Neonlicht, Beton und schlafloser Nacht roch, definierten sie, was Indie-Rock im 21. Jahrhundert bedeuten würde.
Gegründet wurde die Band 1998 in Manhattan. Die fünf Mitglieder – Sänger Julian Casablancas, Gitarrist Nick Valensi, Gitarrist Albert Hammond Jr., Bassist Nikolai Fraiture und Schlagzeuger Fabrizio Moretti – kannten sich teilweise aus der Privatschule. Ihr gemeinsamer Nenner: ein unstillbarer Hunger nach Musik, die sich echt anfühlte, rau, direkt, ohne digitale Hochglanzpolitur.
„Is This It” – das Debüt, das alles veränderte
Im Jahr 2001 erschien „Is This It”, und nichts war danach mehr wie zuvor. Das Debütalbum der The Strokes gilt heute als einer der wichtigsten Rockplatten der Nullerjahre – nicht weil es technisch perfekt war, sondern weil es bewusst unvollkommen klang und dabei so mitreißend war, dass man es nicht mehr abschalten konnte.
Die Platte kam zu einem Zeitpunkt, als die Musikindustrie von Pro-Tools-Glanz und Boyband-Formatierung dominiert wurde. The Strokes fegten das alles beiseite. Mit simplen Gitarrenriffs, treibenden Schlagzeugrhythmen und Casablancas’ schleifendem, fast schon gleichgültigem Gesang – aufgenommen absichtlich leicht verzerrt, um Distanz und Intimität gleichzeitig zu erzeugen – schufen sie ein Album, das so frisch klang wie ein offenes Fenster an einem heißen Sommertag.
Tracks wie „Last Nite”, „Hard to Explain” und „Someday” wurden sofort zu Hymnen einer Generation. „Last Nite” allein hat bis heute über 2,3 Millionen Einheiten verkauft. Das Album selbst verhalf der Band zu weltweitem Durchbruch und brachte ihnen Auftritte auf den größten Festivalbühnen ein – von Glastonbury bis zum Coachella Valley Music and Arts Festival.
Was „Is This It” bis heute so bedeutsam macht: Es demokratisierte den Indie-Rock. Plötzlich wirkte es so, als könnte jede Band mit drei Akkorden und dem richtigen Gefühl eine Revolution starten. Und genau das taten viele. Arctic Monkeys, Interpol, Bloc Party, Fontaines D.C. – alle tragen die DNA dieses Albums in sich.
Die Nullerjahre: Vom Hype zur Reifung
Auf dem Erfolg von „Is This It” folgten zwei weitere Alben in rascher Folge. „Room on Fire” (2003) bewies, dass The Strokes kein Zufallstreffer waren – es war schlanker, direkter, und Tracks wie „12:51” und „Reptilia” gehörten zum besten, was der Gitarrenrock dieser Ära zu bieten hatte.
Dann kam „First Impressions of Earth” (2006), das erste Zeichen einer künstlerischen Neuorientierung. Das Album war länger, experimenteller, ambitionierter – und spaltete die Kritiker. Manche sahen darin eine Entwicklung, andere eine Abkehr vom Kernversprechen der Band. Dennoch: Songs wie „Juicebox” und „Heart in a Cage” zeigten, dass The Strokes mehr sein konnten als das Poster an der Wand des schmuddeligen Indie-Clubs.
Die Jahre zwischen 2006 und 2011 waren von Gerüchten, Soloprojekten und gelegentlichen Krisenberichten geprägt. Julian Casablancas brachte 2009 ein Soloalbum heraus, die anderen Mitglieder verfolgten ebenfalls eigene Wege. Das Klischee der zerstrittenen Rockband schien sich zu bestätigen.
Die Rückkehr und das Schweigen der 2010er-Jahre
„Angles” (2011) markierte die offizielle Rückkehr, und es war eine Platte, die man als kollektiven Kompromiss beschreiben könnte. Die Band hatte sich angeblich per E-Mail über Ideen ausgetauscht, da das gemeinsame Arbeiten im Studio zu konfliktreich geworden war. Das Ergebnis klang stellenweise beliebig – aber es enthielt auch Momente echter Größe, etwa „Under Cover of Darkness” oder „Games”.
„Comedown Machine” (2013) folgte kurz darauf und zeigte The Strokes in einem ungewohnt weichen Licht: synthetischer, verspielter, weniger konfrontativ. Es war ein Album, das vielen Fans nicht das gab, was sie sich erhofft hatten, das aber im Rückblick als mutiges Experiment zu würdigen ist.
Dann kam die lange Stille. Jahre vergingen ohne neue Musik, mit gelegentlichen Festivalauftritten, die mal begeisterten, mal Fragen aufwarfen. Soloprojekte füllten die Lücke: Casablancas arbeitete intensiv mit seinem Nebenprojekt The Voidz, Hammond Jr. veröffentlichte mehrere Soloalben, Moretti widmete sich der Bildenden Kunst.
„The New Abnormal” – die Wiedergeburt
2020 dann, mitten in der Pandemie, erschien das sechste Album: „The New Abnormal”. Produziert von Rick Rubin, aufgenommen in Los Angeles. Und es war – keine Übertreibung – die überzeugendste Platte der Band seit „Room on Fire”.
Das Album hatte eine Wärme und Reife, die der Band bis dahin gefehlt hatte. „Bad Decisions”, „Brooklyn Bridge to Chorus”, „The Adults Are Talking” – Songs, die gleichzeitig nostalgisch und modern klangen. Die Kritiken fielen durchgehend positiv aus, und The Strokes erlebten eine Wiederentdeckung durch eine neue Generation von Hörerinnen und Hörern, die die Nullerjahre nur aus YouTube-Videos kannten.
„The New Abnormal” gewann 2021 den Grammy Award in der Kategorie „Best Rock Album” – eine Anerkennung, die lange überfällig wirkte. Insgesamt hat die Band bis heute über 13,1 Millionen Tonträger verkauft, eine Zahl, die ihren anhaltenden Einfluss in nackten Zahlen belegt.
„Reality Awaits” (2026) – das siebte Kapitel
Sechs Jahre nach „The New Abnormal” steht die Musikwelt vor dem nächsten großen Moment: „Reality Awaits”, das siebte Studioalbum der The Strokes, erscheint am 24. Juli 2026 über RCA Records und Cult Records. Produziert wurde es erneut von Rick Rubin, aufgenommen in Costa Rica im Jahr 2022 – danach verbrachte die Band mehrere Jahre damit, das Album zu verfeinern und fertigzustellen.
Die ersten Singles haben bereits für Gesprächsstoff gesorgt. „Going Shopping”, veröffentlicht am 7. April 2026, markierte die offizielle Ankündigung des Albums. „Falling Out of Love” folgte am 13. Mai 2026. Beide Songs haben innerhalb der Fangemeinde intensive Debatten ausgelöst – nicht zuletzt wegen Casablancas’ Entscheidung, seinen Gesang mit Auto-Tune zu bearbeiten, ein stilistisches Mittel, das manche als Verrat am lo-fi-Erbe der Band empfinden, andere als konsequente Weiterentwicklung.
Albert Hammond Jr. hat das Album in Interviews als sein persönliches Lieblingswerk der Band bezeichnet: „Es ist mein liebstes Album, das wir je gemacht haben.” Die Arbeit mit Rick Rubin beschrieb er als „eine der schönsten Aufnahmeerfahrungen” seiner Karriere. Das klingt nach echter Überzeugung – und nach einem Album, das polarisieren will.
Die Welttournee 2026
Parallel zur Albumveröffentlichung haben The Strokes eine ausgedehnte Welttournee angekündigt. Die Konzertdaten beginnen im Juni 2026 beim Bonnaroo Music & Arts Festival in Manchester, Tennessee, und erstrecken sich bis Oktober 2026. Die Band spielt in Nordamerika in Städten wie Chicago, Toronto, Boston, Cincinnati und Denver.
International sind Auftritte in Tokio, London, Amsterdam und Barcelona geplant, sowie Headliner-Slots beim Outside Lands Festival in San Francisco und beim Summer Sonic 2026 in Japan. Auch ein großes Heimspiel in New York ist angekündigt – mit Beach House und Fcukers als Support-Acts.
Konzerttickets sind über die üblichen Plattformen wie Ticketmaster und Live Nation erhältlich. Für europäische Fans ist es empfehlenswert, die offiziellen Kanäle der Band sowie Plattformen wie Songkick oder Eventim zu verfolgen, da weitere europäische Daten noch bekanntgegeben werden könnten.
Der bleibende Einfluss: Warum The Strokes immer noch wichtig sind
Mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem Debüt ist es legitim zu fragen: Warum reden wir noch über The Strokes? Die Antwort liegt im Wesen ihres Einflusses.
The Strokes haben nicht nur Musik gemacht – sie haben eine Ästhetik geprägt. Die zerzausten Haare, die enge Hose, die Leather Jacket, der scheinbar mühelos lässige Auftritt auf der Bühne – all das wurde zur Blaupause für unzählige Bands der 2000er- und 2010er-Jahre. Wer Arctic Monkeys hört, hört das Echo von „Is This It”. Wer Interpol verfolgt, spürt dieselbe New Yorker Kälte. Wer Fontaines D.C. oder die Strypes kennt, erkennt die Geste.
Dabei ist bemerkenswert, dass The Strokes selbst nie stehengeblieben sind. Von der rohen Direktheit des Debüts über die synthetischen Experimente von „Comedown Machine” bis zur reflektierten Reife von „The New Abnormal” hat die Band immer versucht, sich selbst zu überraschen. Manchmal gelang das besser, manchmal schlechter – aber die Absicht war immer ehrlich.
Casablancas als Frontmann ist dabei eine Figur sui generis: charismatisch und unberechenbar, brillant und selbstzerstörerisch, kapable of writing songs that immediately feel like classics. Hammond Jr., Valensi, Fraiture und Moretti bilden das solide Fundament, auf dem dieses Gebäude steht – fünf gleichberechtigte Persönlichkeiten, deren Spannungen auch die Stärke der Band ausmachen.
Die Soloprojekte: eine Band, die nie wirklich pausiert
Ein wichtiger Kontext zum Verständnis von The Strokes als Einheit: Die Mitglieder haben die Pausen zwischen den Bandalben nie passiv verbracht. Hammond Jr. veröffentlichte 2023 das Album „Melodies on Hiatus”. Valensi brachte 2024 eine Platte (Kurzformat) mit seinem Nebenprojekt CRX heraus. Moretti realisierte 2021 ein Kunstinstallationsprojekt. Casablancas arbeitete mit The Voidz am Album „Like All Before You” (2024) und der Kurz-Platte „Megz of Ram” (2025).
Diese Paralleluniversen haben The Strokes als Band nicht geschwächt – sie haben sie bereichert. Jedes Mitglied bringt seine Soloriemen-Erfahrungen wieder in die Gruppe ein. Das erklärt, warum The Strokes auf dem siebten Album klingeln werden wie eine Band, die sich nichts mehr beweisen muss.
Was „Reality Awaits” verspricht – und was auf dem Spiel steht
Die Erwartungen sind groß. Das muss man ehrlich sagen. Nach dem Grammy-Erfolg von „The New Abnormal” und sechs Jahren Stille haben die Fans eine Vorstellung davon entwickelt, was The Strokes sein sollen – und Rick Rubin als Produzent verleiht dem Ganzen eine zusätzliche Gewichtung.
Die Entscheidung für Auto-Tune als Stilmittel ist dabei symptomatisch für das Grunddilemma der Band: Sie wollen sich weiterentwickeln, riskieren dabei aber, ihre treueste Anhängerschaft zu verlieren. Genau diese Spannung hat The Strokes immer interessant gemacht. Eine Band, die sich bequem einrichtet, ist eine tote Band. The Strokes wählen lieber den unbequemen Weg.
„Reality Awaits” – der Titel selbst klingt wie ein Versprechen und eine Drohung zugleich. Was wartet? Vielleicht die Antwort auf die Frage, ob eine Band, die 2001 alles verändert hat, im Jahr 2026 noch einmal relevant sein kann. Die Indizien sprechen dafür: ein starker Produzent, echte Begeisterung innerhalb der Band, eine Welttournee, die von Japan bis Europa reicht.
Fazit: Eine Band für die Ewigkeit – oder zumindest für die nächsten 20 Jahre
The Strokes sind keine nostalgische Reliquie. Sie sind eine lebendige Band mit einer Geschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Von den Kellern des Lower East Side bis zu den großen Festivalbühnen dieser Welt haben sie bewiesen, dass man mit drei Gitarren, einem Mikrofon und der richtigen Haltung die Welt verändern kann.
„Is This It” wird noch in 50 Jahren auf Playlisten stehen. „The New Abnormal” wird als Comeback-Album in die Bücher eingehen, das zeigt, wie man nach zwei Jahrzehnten noch Feuer in der Stimme hat. Und „Reality Awaits” – das werden wir ab Ende Juli 2026 beurteilen können.
Was feststeht: The Strokes haben die Indie-Rock-Welt geprägt wie kaum eine andere Band ihrer Generation. Und solange Julian Casablancas die Stimme hat und die fünf Freunde aus New York gemeinsam auf die Bühne steigen, bleibt die Frage nicht „Is This It?” – sondern: Was kommt als nächstes?
Quellen:
- Reality Awaits – Wikipedia
- The Strokes announce 2026 World Tour – Ultimate Classic Rock
- The Strokes: Neue Ära vom Debüt bis heute – Ad-hoc-news
- Albert Hammond Jr. über „Reality Awaits” – NME
- The Strokes – „Falling Out of Love” Single – DIY Magazine
- Is This It – 20th Anniversary – Grammy.com
- The Strokes Diskografie – Wikipedia DE