The Boroughs: Was hinter dem Begriff steckt und warum New York und London ihre Stadtteile so nennen
Wer sich mit New York oder London beschäftigt – sei es für eine Reise, ein Auslandssemester oder einfach aus Neugier –, stolpert früher oder später über das englische Wort „borough”. Im Plural, „the boroughs”, taucht es ständig auf: in Reiseführern, in US-Serien, in Songtexten und in Diskussionen über Mietpreise. Doch was genau ist eigentlich ein Borough? Warum hat New York fünf davon und London gleich 32? Und worin unterscheidet sich ein Borough von einem gewöhnlichen Stadtviertel?
Dieser Artikel erklärt den Begriff von Grund auf, ordnet die Geschichte ein und gibt einen praktischen Überblick über die wichtigsten Boroughs auf beiden Seiten des Atlantiks. Am Ende wissen Sie nicht nur, was das Wort bedeutet, sondern auch, warum Einheimische so viel Wert auf die Frage legen, aus welchem Borough jemand kommt.
Was bedeutet „Borough” überhaupt?
Das Wort „borough” stammt aus dem Altenglischen („burh”) und bezeichnete ursprünglich eine befestigte Siedlung. Im mittelalterlichen England war ein Borough ein städtisches Zentrum, das durch eine Urkunde („charter”) besondere Privilegien, Selbstverwaltung und später das Recht erhielt, ein eigenes Mitglied ins Parlament zu entsenden. Der Begriff steht damit historisch für eine Stadt oder einen Bezirk mit einem gewissen Maß an Eigenständigkeit.
Im modernen Sprachgebrauch ist ein Borough vor allem eine Verwaltungseinheit innerhalb einer größeren Stadt. Anders als ein „neighborhood” (Nachbarschaft oder Viertel), das eher informell und durch das Lebensgefühl seiner Bewohner definiert wird, ist ein Borough eine formelle, oft gesetzlich verankerte Untergliederung – häufig mit eigener Verwaltungsstruktur, eigener Identität und manchmal sogar eigenem Bezirksvorsteher.
Damit lässt sich der zentrale Unterschied einfach merken: Ein Viertel ist eine Stimmung, ein Borough ist eine Behörde. New York und London sind die beiden Städte, in denen dieser Begriff am bekanntesten geworden ist – allerdings mit deutlich unterschiedlichen Systemen.
Die fünf Boroughs von New York City
Wenn im US-amerikanischen Kontext von „the boroughs” die Rede ist, sind fast immer die fünf Stadtbezirke New Yorks gemeint. Sie wurden 1898 im Zuge der sogenannten Konsolidierung geschaffen, als mehrere bis dahin eigenständige Städte und Bezirke zur modernen Großstadt New York zusammengefasst wurden. Jeder Borough entspricht zugleich einem County (einer Verwaltungseinheit des Bundesstaats New York) – ein Detail, das für die juristische und postalische Praxis bis heute wichtig ist.
New York City zählte Mitte 2024 nach Schätzungen der Stadtverwaltung rund 8,48 Millionen Einwohner und wuchs damit nach den Verlusten der Pandemiejahre wieder. Diese Menschen verteilen sich höchst ungleich auf die fünf Bezirke.
Brooklyn (Kings County)
Brooklyn ist mit etwa 2,68 Millionen Einwohnern (Schätzung 2024) der bevölkerungsreichste Borough New Yorks. Hätte Brooklyn nicht 1898 seine Eigenständigkeit aufgegeben, wäre es heute eine der größten Städte der USA. Der Bezirk steht für kulturelle Vielfalt, eine lebendige unabhängige Kunst- und Musikszene und Stadtteile, die in den letzten zwei Jahrzehnten zum Inbegriff von Gentrifizierung und Hipster-Kultur wurden.
Berühmt ist Brooklyn unter anderem für den historischen Vergnügungspark in Coney Island, die ikonische Brooklyn Bridge und Viertel wie Williamsburg, Park Slope oder DUMBO. Für Besucher ist Brooklyn oft die spannendere Alternative zum touristisch dominierten Manhattan – mit besseren Aussichten auf die Skyline und einer entspannteren Atmosphäre.
Queens (Queens County)
Queens ist mit rund 2,18 Millionen Einwohnern der zweitgrößte Borough nach Bevölkerung und zugleich der flächenmäßig größte. Mit einer Fläche von etwa 281 Quadratkilometern bietet er deutlich mehr Raum als das dicht bebaute Manhattan. Queens gilt als eines der ethnisch vielfältigsten Gebiete der Welt: In manchen Vierteln werden Dutzende verschiedene Sprachen gesprochen.
Für Reisende ist Queens vor allem als Ankunftsort relevant, denn hier liegen die beiden großen Flughäfen JFK und LaGuardia. Doch der Bezirk hat mehr zu bieten als Transit: kulinarische Vielfalt von griechisch in Astoria bis südasiatisch in Jackson Heights, große Parks und mit dem Flushing Meadows–Corona Park auch den Schauplatz von zwei Weltausstellungen und des US-Open-Tennisturniers.
Manhattan (New York County)
Manhattan ist mit etwa 1,65 Millionen Einwohnern keineswegs der bevölkerungsreichste, aber der mit Abstand am dichtesten besiedelte Borough. Auf nur rund 59 Quadratkilometern drängt sich hier ein Großteil dessen, was die Welt als „New York” im Kopf hat: Times Square, der Central Park, die Wolkenkratzer von Midtown, das Finanzzentrum Wall Street und der Hauptsitz der Vereinten Nationen.
Manhattan ist das wirtschaftliche Herz der Stadt und einer der wertvollsten Wirtschaftsräume der Welt. Für Touristen ist es meist der erste Anlaufpunkt – mit dem Nebeneffekt, dass hier auch die Preise für Hotels, Restaurants und Eintritte am höchsten sind. Bemerkenswert: Nach den pandemiebedingten Einwohnerverlusten war Manhattan der erste Borough, der wieder zu wachsen begann.
The Bronx (Bronx County)
Die Bronx, mit rund 1,3 Millionen Einwohnern, ist der einzige Borough, der auf dem nordamerikanischen Festland liegt – die übrigen vier befinden sich auf Inseln oder Halbinseln. Der Bezirk wurde 1914 als eigenes County abgetrennt und trägt als einziger den bestimmten Artikel im Namen: Es heißt stets „the Bronx”.
Die Bronx ist die Geburtsstätte des Hip-Hop und beherbergt einige der bekanntesten Institutionen der Stadt, darunter das Yankee Stadium und den Bronx Zoo, einen der größten Stadtzoos der USA. Lange galt der Bezirk als sozialer Brennpunkt; heute erlebt er einen langsamen, aber spürbaren Wandel und bietet Besuchern unter anderem den weitläufigen New York Botanical Garden.
Staten Island (Richmond County)
Staten Island ist mit knapp 493.000 Einwohnern der mit Abstand am dünnsten besiedelte und zugleich vorstädtischste Borough. Wer das New-York-Klischee aus engen Straßenschluchten sucht, ist hier falsch: Einfamilienhäuser und Grünflächen prägen das Bild. Bis 1975 trug der Bezirk offiziell den Namen Richmond.
Für Reisende ist Staten Island vor allem wegen einer kostenlosen Attraktion interessant: die Staten Island Ferry. Sie verbindet den Bezirk mit der Südspitze Manhattans und bietet unterwegs einen großartigen, gebührenfreien Blick auf die Freiheitsstatue und die Skyline. Über die Verrazzano–Narrows-Brücke ist Staten Island zudem mit Brooklyn verbunden.
Warum die Frage „aus welchem Borough kommst du?” so wichtig ist
In New York ist die Zugehörigkeit zu einem Borough mehr als eine Postleitzahl – sie ist Teil der Identität. Ein Brooklynite versteht sich anders als ein Manhattanite, und der typische Stolz der Bronx-Bewohner ist sprichwörtlich. Diese Identitäten speisen sich aus jahrzehntelanger Geschichte, aus Sportrivalitäten, aus Akzenten und aus der Frage, wie „echt” ein Stadtteil im Vergleich zum glattpolierten Manhattan wirkt.
Für Besucher hat das einen praktischen Nebeneffekt: Die Boroughs unterscheiden sich erheblich in Atmosphäre, Preisniveau und Tempo. Wer New York wirklich kennenlernen will, sollte Manhattan verlassen und mindestens einen der anderen Bezirke erkunden. Oft sind dort die Mieten für Unterkünfte günstiger, das Essen authentischer und die Begegnungen alltäglicher.
Die 32 Boroughs von London
Auf der anderen Seite des Atlantiks funktioniert das Borough-System anders – und ist deutlich kleinteiliger. Greater London, die Verwaltungsregion rund um die britische Hauptstadt, besteht aus 32 London Boroughs plus der City of London. Letztere ist genau genommen kein Borough, sondern eine eigene historische Verwaltungseinheit. Zusammen ergeben sich also 33 lokale Verwaltungsdistrikte.
Das heutige System entstand am 1. April 1965 durch den London Government Act von 1963. Dabei wurden zwölf Bezirke im Gebiet der früheren „County of London” als Inner-London-Boroughs und die übrigen 20 als Outer-London-Boroughs eingestuft. Jeder dieser Boroughs hat einen eigenen Stadtrat („council”), der für lokale Aufgaben wie Müllabfuhr, Schulen, Sozialdienste und Bauplanung zuständig ist. Hier ist der Borough also tatsächlich eine politische Verwaltungsebene mit echten Befugnissen – stärker ausgeprägt als im New Yorker Modell.
Die City of London – ein Sonderfall
Die City of London nimmt eine Sonderrolle ein. Sie ist mit nur etwa 2,9 Quadratkilometern winzig und beheimatet lediglich rund 10.000 ständige Einwohner. Doch an Werktagen schwillt ihre Bevölkerung auf weit über eine halbe Million an, wenn Pendler in den Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien dieses globalen Finanzzentrums arbeiten.
Die City entspricht ungefähr dem Gebiet der antiken römischen Siedlung Londinium und verwaltet sich seit über tausend Jahren weitgehend selbst – heute durch die City of London Corporation. Wer also vom „Quadratmeilen-Bezirk” („the Square Mile”) hört, meint genau diesen historischen Kern, nicht das moderne Groß-London.
Bekannte Londoner Boroughs für Besucher
Anders als bei New Yorks überschaubaren fünf Bezirken kennen selbst viele Londoner nicht alle 32 Boroughs auswendig. Für Reisende sind vor allem einige zentrale Inner-London-Boroughs relevant:
- Westminster beherbergt die berühmtesten Sehenswürdigkeiten überhaupt: das Parlament mit Big Ben, den Buckingham Palace, die Westminster Abbey und große Teile des Theaterviertels West End.
- Kensington and Chelsea gilt als einer der wohlhabendsten und teuersten Bezirke des Landes, mit Museen, Edelboutiquen und gepflegten Wohnstraßen.
- Camden ist bekannt für seinen alternativen Markt, die Musikszene und ein junges, kreatives Publikum.
- Tower Hamlets umfasst das moderne Finanzviertel Canary Wharf und den historischen Tower of London.
Diese Aufteilung zeigt den Unterschied zum amerikanischen System deutlich: In London ist „Borough” ein eher technischer Verwaltungsbegriff, während Besucher und Einheimische sich im Alltag meist an den Namen einzelner Stadtteile orientieren.
New York gegen London: Zwei Systeme im Vergleich
Obwohl beide Städte das Wort „borough” verwenden, sollte man sie nicht verwechseln. Die wichtigsten Unterschiede lassen sich so zusammenfassen:
- Anzahl: New York hat fünf große Boroughs, London 32 (plus die City of London).
- Größe und Funktion: New Yorks Boroughs sind groß und vor allem identitätsstiftend, während sie verwaltungstechnisch eng an die gesamtstädtische Regierung gebunden sind. Londons Boroughs sind kleiner, dafür mit eigenständigeren Stadträten und realer kommunaler Macht ausgestattet.
- Bezug zur Geschichte: In beiden Fällen geht der Begriff auf das englische Mittelalter zurück, doch New York übernahm ihn erst 1898 für seine Verwaltungsgliederung – als bewusste Anlehnung an die britische Tradition.
Wer also einen Text über „the boroughs” liest, sollte zuerst klären, ob es um New York oder London geht. Der Kontext entscheidet über die Bedeutung.
Praktische Tipps: So nutzen Sie das Wissen auf Reisen
Für deutschsprachige Reisende lohnt es sich, das Borough-System aus mehreren Gründen zu verstehen.
Unterkünfte clever wählen. In New York sind Übernachtungen in Manhattan am teuersten. Wer in einem äußeren Borough wie Queens oder einem gut angebundenen Teil Brooklyns übernachtet, spart oft erheblich und ist mit der U-Bahn dennoch schnell im Zentrum. In London gilt Ähnliches: Unterkünfte in zentralen Boroughs wie Westminster kosten deutlich mehr als in äußeren Bezirken.
Orientierung im Nahverkehr. Die New Yorker Subway und die Londoner Tube verbinden alle Boroughs miteinander. Es hilft, die grobe Lage der Bezirke zu kennen, um Fahrtzeiten realistisch einzuschätzen – Staten Island etwa erreicht man von Manhattan praktischerweise per Fähre, nicht per U-Bahn.
Authentische Erlebnisse finden. Die spannendsten kulinarischen und kulturellen Entdeckungen liegen häufig außerhalb der bekanntesten Touristenmeilen. Ein Tag in der Bronx oder in Queens, ein Spaziergang durch einen Londoner Außenbezirk – das vermittelt oft ein ehrlicheres Bild der Stadt als die überlaufenen Hotspots.
Adressen richtig lesen. In New York taucht der Borough-Name häufig in Adressen und im postalischen Kontext auf, weil jeder Bezirk einem eigenen County entspricht. Das ist relevant, wenn Sie Pakete versenden, ein Taxi rufen oder eine Adresse in eine Navigations-App eingeben.
Häufige Missverständnisse rund um den Begriff
Zum Abschluss lohnt es sich, einige verbreitete Irrtümer auszuräumen.
„Manhattan ist New York.” Touristisch betrachtet steht Manhattan im Mittelpunkt, doch rein zahlenmäßig leben dort weniger Menschen als in Brooklyn oder Queens. New York City ist die Summe aller fünf Boroughs.
„Borough heißt einfach Stadtteil.” Das greift zu kurz. Ein Borough ist eine formelle Verwaltungseinheit mit eigener Identität und – im Fall Londons – eigener kommunaler Verwaltung. Der lockere Begriff „neighborhood” beziehungsweise „Viertel” beschreibt dagegen kleinere, informelle Einheiten innerhalb eines Boroughs.
„Die City of London ist ganz London.” Ein klassischer Stolperstein. Die „City” ist nur der historische, etwa 2,9 Quadratkilometer kleine Finanzkern. Das moderne Groß-London („Greater London”) umfasst alle 32 Boroughs dazu.
„Alle Boroughs sind gleich städtisch.” Gerade Staten Island in New York oder viele äußere Londoner Bezirke wirken überraschend vorstädtisch oder sogar grün. Die Bandbreite reicht von dicht bebauten Hochhausschluchten bis zu ruhigen Wohngegenden mit Einfamilienhäusern.
Fazit
„The boroughs” ist weit mehr als ein beliebiges englisches Wort für Stadtteile. Der Begriff trägt eine jahrhundertealte Geschichte in sich und beschreibt heute zwei sehr unterschiedliche Systeme: New Yorks fünf große, identitätsstarke Bezirke und Londons fein gegliederte Verwaltungslandschaft aus 32 Boroughs plus der historischen City of London.
Wer diese Grundlagen kennt, versteht nicht nur Reiseführer und Serien besser, sondern reist auch klüger – mit dem Wissen, dass die spannendsten Seiten einer Metropole oft jenseits ihres berühmtesten Zentrums liegen. Egal ob in Brooklyn, in Queens oder in einem grünen Außenbezirk Londons: Die Boroughs sind der Schlüssel, um eine Weltstadt nicht nur zu besichtigen, sondern wirklich zu begreifen.