Montella: Die italienische Kastanienstadt in Irpinien und ihre berühmte IGP-Kastanie
Wer im Herbst durch die Berge Irpiniens im Hinterland von Neapel reist, kommt an einem Namen kaum vorbei: Montella. Das kleine Bergstädtchen in der italienischen Region Kampanien hat sich über Jahrhunderte einen Ruf erarbeitet, der weit über die Provinz Avellino hinausreicht. Grund dafür ist eine unscheinbare Frucht mit dunkelbrauner Schale – die Esskastanie. In Montella wird sie nicht einfach geerntet, sie wird gefeiert, geschützt und mit einer Hingabe gepflegt, die man sonst eher vom Wein oder vom Käse kennt.
Dieser Artikel führt Sie durch alles, was Sie über Montella wissen sollten: über den Ort selbst, über die geschützte Castagna di Montella, über das traditionsreiche Kastanienfest, über die Küche und die Nährwerte der Frucht – und darüber, worauf Sie achten können, wenn Sie italienische Maronen in Deutschland kaufen möchten.
Wo liegt Montella?
Montella ist eine Gemeinde mit rund 7.200 Einwohnern in der Provinz Avellino, mitten im gebirgigen Landstrich Irpinien (italienisch Irpinia) in Kampanien. Der Ort liegt auf etwa 634 Metern über dem Meeresspiegel und ist gut 36 Kilometer von der Provinzhauptstadt Avellino entfernt. Ringsum erheben sich die bewaldeten Hänge des Apennin, durchzogen von Bächen, Weiden und – vor allem – ausgedehnten Kastanienhainen.
Diese Lage ist kein Zufall für den Ruf des Ortes. Die Höhe, die kühlen Nächte, die kalkarmen, gut durchlässigen Böden und die ausreichenden Niederschläge schaffen genau die Bedingungen, unter denen die Edelkastanie (Castanea sativa) besonders gut gedeiht. Was im Burgund die Hänge für den Pinot Noir sind, das sind in Irpinien die Bergflanken für die Kastanie: ein Zusammenspiel aus Boden, Klima und jahrhundertelanger Erfahrung.
Neben den Kastanienwäldern hat Montella auch eine sehenswerte Geschichte zu bieten. Über dem Ort thront das Complesso Monumentale del Monte, ein historischer Gebäudekomplex auf einem Hügel, der die Reste der mittelalterlichen Burg Castello del Monte, die Kirche Santa Maria del Monte und ein ehemaliges Franziskanerkloster vereint. Von dort oben hat man einen weiten Blick über das Tal und die umliegenden Berge – ein lohnendes Ziel, gerade im Herbst, wenn sich die Wälder gold-braun färben.
Die Castagna di Montella IGP: Italiens erste geschützte Frucht
Das eigentliche Aushängeschild des Ortes ist die Castagna di Montella, also die Kastanie aus Montella. Sie genießt einen Status, der sie von gewöhnlichen Maronen abhebt: Sie trägt das EU-Siegel IGP, die geschützte geografische Angabe (italienisch Indicazione Geografica Protetta, auf Deutsch oft mit „g.g.A.” abgekürzt).
Dieser Schutz hat eine bemerkenswerte Vorgeschichte. Bereits 1987 erhielt die Kastanie aus Montella die Bezeichnung DOC – und war damit nach gängiger Darstellung der erste Fall in Italien überhaupt, in dem einer Frucht eine solche kontrollierte Ursprungsbezeichnung zuerkannt wurde. Üblicherweise war diese Art von Anerkennung dem Wein vorbehalten. Neun Jahre später, 1996, wurde dieser Status im Zuge der europäischen Harmonisierung durch das IGP-Siegel ersetzt, das bis heute gilt.
Was die Sorte ausmacht
Hinter dem Namen steckt eine genaue Vorgabe. Die Castagna di Montella IGP besteht zu rund 90 Prozent aus der lokalen Sorte Palummina, der Rest stammt überwiegend aus der Sorte Verdola sowie weiteren einheimischen Varietäten. Es handelt sich um die Frucht der Edelkastanie, die sowohl frisch als auch getrocknet vermarktet werden darf.
Charakteristisch ist die eher kleine bis mittelgroße Frucht. Sie ist rundlich geformt, mit einer flachen Unterseite und gewölbter Basis. Die dünne, dunkelbraune Schale lässt sich vergleichsweise leicht ablösen – ein nicht zu unterschätzender Vorteil in der Küche. Das Fruchtfleisch ist weiß, fest und knackig und zeichnet sich durch einen angenehm süßen Geschmack aus. Genau diese Kombination aus Süße, Aroma und guter Schälbarkeit hat den Ruf der Montella-Kastanie begründet.
Das Anbaugebiet
Der geschützte Name darf nicht überall verwendet werden. Das ausgewiesene Erzeugungsgebiet umfasst neben Montella selbst die Nachbargemeinden Bagnoli Irpino, Cassano Irpino, Nusco, Volturara Irpina sowie einen bestimmten Bezirk von Montemarano – alle in der Provinz Avellino. Nur Kastanien aus diesen Lagen, die den festgelegten Anforderungen entsprechen, dürfen als Castagna di Montella IGP in den Handel kommen. Diese geografische Eingrenzung ist der Kern des Schutzgedankens: Sie verknüpft die Frucht untrennbar mit ihrer Herkunftslandschaft.
Eine sehr alte Geschichte
Die Kastanie ist in dieser Gegend keine Modeerscheinung. Die Frucht stammt ursprünglich aus Kleinasien, und vieles deutet darauf hin, dass sie in der Region Irpinien bereits seit dem 6. oder 5. Jahrhundert vor Christus angebaut wurde. Über die Jahrhunderte war die Kastanie hier weit mehr als ein saisonaler Genuss.
In den Bergregionen Süditaliens galt sie lange als „Brot der Armen”. In kargen Wintern, wenn Getreide knapp war, lieferte die Kastanie – frisch geröstet, gekocht oder zu Mehl gemahlen – sättigende Kohlenhydrate. Ganze Familien lebten in den kalten Monaten von ihren Vorräten. Aus dieser Notwendigkeit entwickelte sich über Generationen ein detailliertes Wissen über Anbau, Ernte, Trocknung und Verarbeitung, das bis heute die Qualität der Montella-Kastanie prägt. Was einst Überlebensnahrung war, ist heute eine geschätzte Delikatesse mit Herkunftssiegel – ein Wandel, der die Geschichte vieler regionaler Spezialitäten Italiens widerspiegelt.
Das Kastanienfest von Montella
Höhepunkt des Kastanienjahres ist die Festa della Castagna di Montella IGP, das große Kastanienfest. Es ist eine fest verankerte Institution: 2025 fand bereits die 41. Ausgabe statt. Das Fest erstreckt sich traditionell über zwei Wochenenden im Spätherbst – 2025 etwa vom 31. Oktober bis 2. November und vom 7. bis 9. November.
Wer das Fest besucht, taucht in eine ausgelassene Atmosphäre ein. Mehr als 100 Stände säumen die Straßen und Plätze, an denen sich von vormittags an alles um die Kastanie dreht: frisch geröstete Maronen, traditionelle Süßspeisen und herzhafte Gerichte auf Kastanienbasis. Dazu gibt es Showcooking, Ausstellungen, Kinderprogramm und Live-Musik mit zahlreichen Gruppen, die über die Festtage verteilt auftreten. Der Eintritt ist frei. Für viele Familien aus Kampanien und darüber hinaus gehört der Ausflug nach Montella im Herbst fest zum Jahreskalender.
Das Fest ist mehr als Tourismus. Es ist gelebte Identität – ein Anlass, bei dem ein ganzer Ort seine wichtigste Frucht ins Zentrum stellt und damit zugleich die regionale Wirtschaft, den Erhalt der Kastanienhaine und das überlieferte Handwerk stärkt.
Kastanie, Marone, Esskastanie – wo liegt der Unterschied?
Im deutschen Sprachgebrauch sorgen die Begriffe oft für Verwirrung. Eine kurze Einordnung hilft:
- Esskastanie ist der botanische Oberbegriff für die essbaren Früchte der Edelkastanie (Castanea sativa). Sie hat nichts mit der giftigen Rosskastanie zu tun, die in Parks wächst und nicht zum Verzehr geeignet ist.
- Marone (auch Maroni) bezeichnet im Handel meist besonders große, leicht schälbare und aromatische Zuchtformen der Esskastanie. In der Praxis werden „Marone” und „Esskastanie” häufig synonym verwendet.
- Die Castagna di Montella ist – trotz des Namens castagna – eine hochwertige, eher kleine Frucht, die geschmacklich in der Spitzenklasse spielt. Ihr Wert liegt weniger in der Größe als in Süße, Aroma und Qualität.
Für die Küche bedeutet das: Größe allein sagt wenig über den Geschmack. Eine kleinere, aromatische Kastanie aus einem guten Anbaugebiet ist einer großen, aber faden Frucht oft überlegen.
Nährwerte: Wie gesund ist die Kastanie?
Die Esskastanie nimmt unter den Nüssen eine Sonderstellung ein – streng genommen ist sie keine klassische Nuss, sondern verhält sich ernährungsphysiologisch eher wie ein stärkehaltiges Grundnahrungsmittel. Während Walnüsse, Mandeln und Haselnüsse sehr fettreich sind, besteht die Kastanie überwiegend aus Kohlenhydraten und Wasser, mit einem Fettanteil von nur rund zwei Prozent.
Beim Kaloriengehalt kommt es stark auf die Zubereitung an. Rohe Maronen liefern etwa 213 Kalorien pro 100 Gramm, gedämpfte Maronen dagegen nur rund 153 Kilokalorien pro 100 Gramm. Damit sind sie zwar gehaltvoller als viele Gemüsesorten, aber deutlich leichter als die meisten anderen Nüsse.
Darüber hinaus bringt die Kastanie eine Reihe wertvoller Nährstoffe mit:
- B-Vitamine sowie Vitamin C – Letzteres ist bei Nüssen ungewöhnlich
- Folat (Folsäure)
- Kalium und Magnesium, die für Nerven und Muskeln wichtig sind
- in gekochter Form zudem nennenswerte Mengen an Kupfer und Mangan
- reichlich Ballaststoffe, die die Verdauung unterstützen und lange sättigen
Hinzu kommt: Esskastanien sind von Natur aus glutenfrei. Daraus gewonnenes Kastanienmehl ist deshalb bei Menschen mit Zöliakie oder Glutenunverträglichkeit beliebt. Wer auf seine Ernährung achtet, findet in der Kastanie also eine fettarme, mineralstoffreiche und vielseitige Zutat – vorausgesetzt, man bereitet sie nicht ausschließlich mit reichlich Butter und Zucker zu.
Die Kastanie in der Küche
In der kampanischen Küche ist die Kastanie erstaunlich wandlungsfähig und keineswegs auf die Rolle der gerösteten Wintermarone beschränkt. Dank ihres ausgeprägten Aromas und ihrer guten Haltbarkeit lässt sie sich frisch oder getrocknet, mit oder ohne Schale, ganz oder gemahlen verwenden.
Geröstet sind Kastanien der Klassiker schlechthin – in Italien als caldarroste bekannt. Über offenem Feuer in der gelochten Pfanne geröstet, mit leicht rauchiger Note, sind sie der unverkennbare Duft des italienischen Herbstes.
Gekocht in Wasser oder Milch werden sie weicher und milder. In dieser Form bilden sie die Grundlage für Pürees, Suppen und Beilagen.
In der herzhaften Küche harmonieren Kastanien hervorragend mit Fleisch. Sie sind eine traditionelle Beilage zu Braten und Wild, finden sich in Eintöpfen und Suppen – etwa in einer wärmenden Kastanien-Bohnen-Suppe – und verleihen ersten wie zweiten Gängen eine sämige, leicht süßliche Tiefe.
In der süßen Küche schließlich entfaltet die Kastanie ihren ganzen Charme: als Püree, als Füllung für Gebäck, in Kuchen oder als Basis für cremige Desserts. Aus dem getrockneten und gemahlenen Fruchtfleisch entsteht Kastanienmehl, das traditionellen Süßspeisen ihren charakteristischen Geschmack gibt.
Ein praktischer Tipp für die Zubereitung zu Hause: Vor dem Rösten die Schale jeder Kastanie kreuzweise einschneiden. So kann der Dampf entweichen, die Frucht platzt nicht unkontrolliert auf, und sie lässt sich anschließend deutlich leichter pellen.
Italienische Kastanien in Deutschland kaufen
In Deutschland gehören Esskastanien zur typischen Herbst- und Winterware. Von Oktober bis in den Beginn des folgenden Jahres findet man frische Maronen im Handel – auf Wochenmärkten, in Supermärkten, im Bioladen und natürlich beim klassischen Maronenstand in der Innenstadt. Verarbeitete Produkte wie vorgekochte und geschälte Kastanien, Püree, Konserven oder getrocknete Ware sind dagegen das ganze Jahr über erhältlich.
Preise: eine grobe Orientierung
Wie bei jedem saisonalen Naturprodukt schwanken die Preise je nach Erntejahr, Qualität und Verarbeitungsgrad teils erheblich. Eine grobe Orientierung anhand des deutschen Handels:
- Rohe Maronen kosten häufig unter 2 Euro pro 100 Gramm. Wer größere Mengen kauft, etwa in Kistenform direkt aus Italien, kann pro Kilogramm günstiger wegkommen.
- Geschälte und vorgekochte Maronen sind durch die zusätzliche Verarbeitung deutlich teurer und bewegen sich oft im Bereich von 2 bis 4 Euro pro 100 Gramm.
Diese Spannen sind Richtwerte und können sich, gerade in der Hauptsaison und je nach Anbieter, schnell ändern. Es lohnt sich, beim Online-Kauf Preise über Vergleichsportale zu prüfen und beim frischen Einkauf den lokalen Wochenmarkt nicht zu vergessen – dort ist die Ware oft frischer und nicht selten günstiger als die abgepackte Variante.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten
Ob frisch vom Markt oder bestellt – ein paar Anhaltspunkte helfen, gute Qualität zu erkennen:
- Festigkeit und Gewicht: Frische Kastanien fühlen sich fest und schwer an. Leichte, hohl klingende Früchte sind oft eingetrocknet oder innen verdorben.
- Unversehrte Schale: Die Schale sollte glänzend, prall und ohne Löcher sein. Kleine Bohrlöcher deuten auf Wurmbefall hin.
- Schwimmprobe: Legen Sie die Kastanien zu Hause kurz in eine Schüssel Wasser. Früchte, die obenauf schwimmen, sind meist innen hohl oder befallen und sollten aussortiert werden.
- Herkunftsangabe: Wenn Ihnen die regionale Herkunft wichtig ist, achten Sie auf klare Angaben zum Ursprung. Geschützte Bezeichnungen mit IGP-Siegel sind ein Hinweis auf kontrollierte Herkunft und definierte Qualitätsstandards – sie sind allerdings entsprechend hochpreisiger und nicht immer im deutschen Standardhandel zu finden.
Lagerung
Frische Kastanien sind nicht lange haltbar, da sie viel Feuchtigkeit enthalten. Im Kühlschrank, am besten in einem luftdurchlässigen Beutel, halten sie sich einige Tage bis gut eine Woche. Für längere Vorräte eignet sich das Einfrieren – roh oder bereits gegart. Getrocknete Kastanien und Kastanienmehl sind dagegen kühl, trocken und dunkel gelagert über viele Monate haltbar.
Montella als Reiseziel
Für Genussreisende ist Montella ein lohnender Abstecher, gerade abseits der überlaufenen Touristenpfade Kampaniens. Während sich die Besucherströme an der Amalfiküste und in Pompeji drängen, bietet das Hinterland von Avellino eine ruhigere, authentischere Seite Süditaliens: Bergdörfer, Wälder, regionale Küche und ein Lebensrhythmus, der noch stark von den Jahreszeiten bestimmt wird.
Die beste Reisezeit für Kastanienliebhaber ist eindeutig der Herbst, wenn die Ernte läuft und das Kastanienfest die Straßen belebt. Wer einen Ausflug plant, kombiniert den Besuch des Festes gut mit einer Wanderung in den umliegenden Hainen und einem Aufstieg zum Complesso Monumentale del Monte. Irpinien ist zudem eine bedeutende Weinregion – die Gegend rund um Avellino bringt einige der angesehensten Weine Süditaliens hervor. Eine Reise hierher verbindet also zwei kulinarische Welten: die herbstliche Kastanie und den kraftvollen Bergwein.
Fazit
Montella ist mehr als ein Punkt auf der Landkarte Kampaniens. Der Ort steht für eine jahrtausendealte Verbindung zwischen einer Landschaft und ihrer Frucht – eine Verbindung, die in der geschützten Castagna di Montella IGP ihren offiziellen Ausdruck gefunden hat. Von der historischen Rolle als „Brot der Armen” über das ausgelassene Kastanienfest bis zur modernen Wertschätzung als gesunde, vielseitige Zutat erzählt die Kastanie aus Montella eine Geschichte, die exemplarisch für die kulinarische Tiefe Italiens steht.
Für Genießer in Deutschland muss man dafür nicht zwingend nach Irpinien reisen. Wer im Herbst frische, feste Esskastanien auswählt, sie selbst röstet oder in herzhaften wie süßen Gerichten verarbeitet, holt sich ein Stück dieser Tradition auf den Teller – und wer einmal den Unterschied einer wirklich aromatischen Kastanie geschmeckt hat, versteht, warum eine ganze Stadt sie Jahr für Jahr feiert.
Quellen:
- Montella (Kampanien) – Wikipedia
- Montella – Lust auf Italien
- Die Kastanie aus Montella IGP – napolitrip.com
- Castagna di Montella IGP – Qualigeo
- Castagna di Montella – Wikipedia (IT)
- Festa della Castagna di Montella IGP 2025 – Sistema Irpinia
- Festa della Castagna di Montella IGP, 31. Oktober–3. November 2025 – cheventi.it
- Maronen: Kalorien, Nährwerte & Gesundheitsvorteile – EAT SMARTER
- Gesunde Maronen: Nährwerte und Kalorien – Utopia.de
- Wo kann man Maronen kaufen? – kaufda.de