Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) verstehen: So bewerten Sie Aktien richtig
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Wer in Aktien investiert, stößt früher oder später auf eine Frage, die so einfach klingt und doch erstaunlich schwer zu beantworten ist: Ist diese Aktie teuer oder günstig? Der reine Kurs hilft dabei wenig. Eine Aktie zu 300 Euro kann ein Schnäppchen sein, eine Aktie zu 8 Euro maßlos überteuert. Um Preise sinnvoll zu vergleichen, brauchen Anleger eine Bezugsgröße. Genau hier setzt das Kurs-Gewinn-Verhältnis an, kurz KGV.
Es ist die wohl meistgenutzte Bewertungskennzahl an den Börsen weltweit. Praktisch jeder Finanzdienst weist sie aus, von der Tageszeitung bis zur Brokerage-App. Doch gerade weil das KGV so verbreitet ist, wird es oft falsch verstanden und vorschnell interpretiert. Dieser Artikel zeigt, was die Kennzahl wirklich aussagt, wie man sie berechnet und wo ihre blinden Flecken liegen.
Was das Kurs-Gewinn-Verhältnis aussagt
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis setzt den Börsenkurs einer Aktie ins Verhältnis zum Gewinn, den das Unternehmen pro Aktie erwirtschaftet. Damit beantwortet es eine konkrete Frage: Wie viel zahle ich gerade für einen Euro Unternehmensgewinn?
Anschaulicher wird es mit einem Gedankenmodell. Das KGV gibt an, wie viele Jahre ein Unternehmen bei gleichbleibendem Gewinn arbeiten müsste, um seinen aktuellen Börsenwert komplett zu erwirtschaften. Ein KGV von 15 bedeutet also vereinfacht: Wenn der Gewinn konstant bliebe, hätte das Unternehmen nach 15 Jahren so viel verdient, wie es heute an der Börse kostet.
Daraus leitet sich die gängige Faustregel ab: Je niedriger das KGV, desto preiswerter ist eine Aktie auf den ersten Blick. Ein niedriges Verhältnis heißt, dass Anleger wenig für die laufenden Gewinne bezahlen. Ein hohes KGV bedeutet das Gegenteil. Doch wer es bei dieser einfachen Regel belässt, tappt schnell in eine Falle, denn ein niedriges KGV ist nicht automatisch ein Kaufsignal und ein hohes nicht automatisch eine Warnung. Dazu später mehr.
Die Formel: So wird das KGV berechnet
Die Berechnung selbst gehört zu den einfachsten in der Finanzwelt. Es gibt zwei gleichwertige Wege, die immer zum selben Ergebnis führen.
Variante 1 – über den Gewinn je Aktie:
KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie
Der Gewinn je Aktie, im Englischen Earnings per Share (EPS), ergibt sich, indem man den Jahresüberschuss eines Unternehmens durch die Anzahl der ausstehenden Aktien teilt. Diesen Wert findet man im Geschäftsbericht oder bei jedem gängigen Finanzportal.
Ein Rechenbeispiel: Notiert eine Aktie bei 80 Euro und verdient das Unternehmen 5 Euro je Aktie, ergibt sich ein KGV von 16 (80 ÷ 5).
Variante 2 – über die Gesamtgrößen:
KGV = Börsenwert ÷ Jahresgewinn
Hier teilt man die gesamte Marktkapitalisierung durch den gesamten Jahresgewinn. Das Ergebnis ist identisch, weil sich die Aktienanzahl in Zähler und Nenner herauskürzt. Diese Variante ist praktisch, wenn man das ganze Unternehmen statt der einzelnen Aktie im Blick hat.
Wichtig ist die Frage, welcher Gewinn in die Formel einfließt. Hier liegt eine der größten Stolperfallen, denn das KGV gibt es in mehreren Geschmacksrichtungen.
Vergangenheit oder Zukunft: trailing und forward KGV
Eine Kennzahl ist nur so gut wie die Zahlen, mit denen man sie füttert. Beim KGV unterscheidet man vor allem zwei Spielarten.
Das trailing KGV (auch nachlaufendes KGV) nutzt den tatsächlich erzielten Gewinn der vergangenen zwölf Monate oder des letzten Geschäftsjahres. Der Vorteil: Diese Zahlen sind real und geprüft, nichts ist geschätzt. Der Nachteil: Sie blicken in den Rückspiegel. Ob das Unternehmen auch künftig so viel verdient, sagt das vergangene KGV nicht.
Das forward KGV (vorausschauendes oder erwartetes KGV) rechnet stattdessen mit dem für das kommende Jahr geschätzten Gewinn. Da Aktienkurse die Zukunft handeln, ist diese Variante oft aussagekräftiger. Ihr Haken liegt aber genau in dem Wort „geschätzt”: Analystenprognosen können danebenliegen, und in der Praxis fallen sie häufig zu optimistisch aus. Wer ein forward KGV liest, kauft die Bewertung also auf Versprechen.
In der Praxis lohnt es sich, beide Werte nebeneinanderzulegen. Liegt das erwartete KGV deutlich unter dem vergangenen, rechnet der Markt mit steigenden Gewinnen. Liegt es darüber, werden sinkende Gewinne erwartet.
Was ist ein gutes KGV? Orientierungswerte
Die ehrlichste Antwort lautet: Es kommt darauf an. Trotzdem gibt es grobe Anhaltspunkte, an denen man sich orientieren kann.
Historisch gilt für den breiten Aktienmarkt ein KGV im Bereich von 12 bis 15 als normale, faire Bewertung. Werte darunter deuten tendenziell auf eine günstige Bewertung hin, Werte deutlich darüber auf eine teure. Für die 30 klassischen DAX-Werte liegt das KGV im langfristigen historischen Durchschnitt bei rund 14,6.
Aktuell bewegen sich die Märkte allerdings über diesem langjährigen Mittel. Das KGV des deutschen Leitindex DAX lag im Juni 2026 bei etwa 18 und damit über seinem historischen Durchschnitt. Die deutschen Standardwerte sind also im historischen Vergleich nicht mehr ausgesprochen günstig bewertet.
Noch deutlich höher liegen die US-Märkte. Der breite amerikanische Index S&P 500 wird zuletzt mit einem erwarteten KGV von rund 25 bis 27 gehandelt, der technologielastige NASDAQ 100 bewegt sich seit Längerem im Bereich von 25 bis 30 und darüber. Diese Differenz spiegelt unter anderem den hohen Anteil wachstumsstarker Technologiekonzerne in den US-Indizes wider.
Eine grobe Orientierung für die Einordnung einzelner Werte:
- KGV unter 10: oft günstig, kann aber auf Probleme oder schrumpfende Gewinne hindeuten
- KGV 10 bis 15: moderate, häufig faire Bewertung
- KGV 15 bis 25: je nach Wachstum gerechtfertigt oder bereits ambitioniert
- KGV über 25 bis 30: hohe Erwartungen, nur bei kräftigem Wachstum vertretbar
Diese Spannen sind keine Gesetze, sondern Faustregeln. Ihren Sinn entfalten sie erst im Vergleich – und damit zur wohl wichtigsten Erkenntnis rund um das KGV.
Der Branchenvergleich entscheidet
Ein KGV isoliert zu betrachten, führt fast zwangsläufig in die Irre. Erst der Vergleich macht die Zahl brauchbar, und zwar in zwei Richtungen: gegenüber der eigenen Branche und gegenüber der eigenen Vergangenheit.
Verschiedene Branchen werden vom Markt strukturell unterschiedlich bewertet, weil sie unterschiedliche Wachstumsaussichten, Risiken und Kapitalbedürfnisse haben. Ein paar typische Bandbreiten verdeutlichen das:
- Technologie: häufig 25 bis 45, weil hohes Wachstum eingepreist wird
- Finanzwerte und Banken: oft nur 8 bis 12, wegen Regulierung und konjunktureller Risiken
- Automobilbranche: teils nur 4 bis 8, da zyklisch und kapitalintensiv
- Konsumgüter und Versorger: meist im mittleren Bereich, weil stabil, aber wachstumsschwach
Diese Spannen zeigen, warum es unsinnig wäre, einen Automobilkonzern mit einem KGV von 7 und einen Softwareanbieter mit einem KGV von 35 direkt gegeneinander auszuspielen. Der eine wirkt billig, der andere teuer – doch beide können in ihrer jeweiligen Branche fair bewertet sein. Ein hohes KGV bei einem Technologieunternehmen kann durch dessen Wachstumspotenzial gerechtfertigt sein, während dasselbe KGV bei einem Versorger ein Warnsignal wäre.
Sinnvoll ist deshalb der Vergleich innerhalb derselben Branche: Wie steht ein Unternehmen gegenüber seinen direkten Wettbewerbern da? Und ebenso aufschlussreich ist der historische Vergleich mit sich selbst. Notiert eine Aktie heute mit einem KGV von 12, während sie über die letzten zehn Jahre im Schnitt bei 18 lag, kann das auf eine günstige Phase hindeuten – oder darauf, dass der Markt verschlechterte Aussichten einpreist.
Warum ein niedriges KGV trügerisch sein kann
Die naheliegende Strategie, einfach Aktien mit dem niedrigsten KGV zu kaufen, klingt verlockend, ist aber gefährlich. Der Grund liegt in der sogenannten Bewertungsfalle, im Englischen value trap.
Ein niedriges KGV entsteht immer dann, wenn der Kurs im Verhältnis zum Gewinn niedrig ist. Das kann zwei völlig gegensätzliche Ursachen haben. Im günstigen Fall hat der Markt eine solide Aktie übersehen oder vorübergehend abgestraft – dann ist das niedrige KGV tatsächlich eine Chance. Im ungünstigen Fall ist der Kurs aus gutem Grund gefallen: Anleger erwarten, dass die Gewinne einbrechen, das Geschäftsmodell unter Druck steht oder die Branche strukturell schrumpft. Das niedrige KGV spiegelt dann keine Unterbewertung, sondern berechtigte Skepsis.
Besonders tückisch ist das bei zyklischen Unternehmen, etwa aus der Automobil- oder Rohstoffbranche. Auf dem Gipfel des Konjunkturzyklus weisen sie oft Rekordgewinne und damit optisch niedrige KGVs aus – ausgerechnet kurz bevor die Gewinne wieder einbrechen. Das vermeintlich günstige KGV ist hier eher ein Warnsignal als eine Einladung.
Umgekehrt gilt: Ein hohes KGV ist nicht zwingend ein Grund zur Vorsicht. Schnell wachsende Unternehmen verdienen ihren hohen Bewertungsaufschlag oft, weil ihre Gewinne in wenigen Jahren in die heutige Bewertung hineinwachsen. Wer solche Aktien allein wegen des hohen KGV meidet, verpasst womöglich die stärksten Werte.
Die Grenzen des KGV
So nützlich die Kennzahl ist, sie hat handfeste Schwächen, die man kennen muss.
Es versagt bei Verlusten. Macht ein Unternehmen keinen Gewinn, ist der Nenner der Formel negativ oder null. Das KGV wird dann negativ oder unendlich und damit bedeutungslos. Gerade bei jungen Wachstumsunternehmen, die anfangs bewusst Verluste schreiben, ist das KGV deshalb kein brauchbares Werkzeug.
Gewinne lassen sich gestalten. Der ausgewiesene Gewinn ist eine buchhalterische Größe und kann durch Sondereffekte verzerrt sein – etwa durch den Verkauf eines Geschäftsbereichs, Abschreibungen oder Rückstellungen. Ein einmaliger Sondergewinn drückt das KGV optisch nach unten, ohne dass sich am Geschäft etwas geändert hätte.
Die Verschuldung bleibt außen vor. Das KGV betrachtet nur Kurs und Gewinn, nicht aber die Schulden eines Unternehmens. Zwei Firmen mit identischem KGV können völlig unterschiedlich riskant sein, wenn die eine schuldenfrei ist und die andere auf einem Schuldenberg sitzt.
Es blickt überwiegend zurück. Das klassische KGV beruht auf Gewinnen der Vergangenheit oder auf Schätzungen, die unsicher sind. Strukturelle Veränderungen, neue Wettbewerber oder Technologiewandel fängt es nicht ein.
Diese Grenzen bedeuten nicht, dass das KGV nutzlos ist. Sie bedeuten, dass man es nie allein verwenden sollte.
Verwandte Kennzahlen: Shiller-KGV und PEG-Ratio
Um die Schwächen des klassischen KGV abzufedern, haben sich zwei verwandte Kennzahlen etabliert.
Das Shiller-KGV, auch CAPE Ratio (Cyclically Adjusted Price-to-Earnings Ratio) genannt, geht auf den Ökonomen Robert Shiller zurück. Statt nur den Gewinn eines einzelnen Jahres heranzuziehen, nutzt es den Durchschnitt der inflationsbereinigten Gewinne der vergangenen zehn Jahre. Dadurch glättet es konjunkturelle Ausschläge und einmalige Sondereffekte und ist weniger anfällig für die oben beschriebene Zyklusfalle. Das Shiller-KGV wird vor allem zur Bewertung ganzer Märkte und Indizes verwendet. Als grobe Orientierung gilt: Werte von 25 bis 30 signalisieren eine eher teure Marktphase, Werte deutlich über 30 deuten auf eine ausgeprägte Überbewertung hin.
Die PEG-Ratio (Price/Earnings to Growth) wiederum versucht, das größte konzeptionelle Manko des KGV zu beheben: dass es das Wachstum ignoriert. Sie teilt das KGV durch die erwartete jährliche Gewinnwachstumsrate in Prozent. Dadurch wird ein hohes KGV relativiert, wenn dahinter kräftiges Wachstum steht. Die übliche Lesart:
- PEG unter 1: attraktiv bewertet im Verhältnis zum Wachstum
- PEG um 1 bis 2: moderat, fair eingepreist
- PEG über 2: im Verhältnis zum Wachstum potenziell zu teuer
Mit der PEG-Ratio lässt sich erkennen, dass eine Aktie trotz eines optisch hohen KGV günstig sein kann, wenn ihre Gewinne entsprechend schnell zulegen. Allerdings hängt auch die PEG-Ratio an einer geschätzten Größe, nämlich der Wachstumsprognose, und ist damit ähnlich unsicher wie das forward KGV.
So nutzen Sie das KGV in der Praxis
Aus all dem ergibt sich eine pragmatische Vorgehensweise. Das KGV ist ein guter Ausgangspunkt für die Aktienanalyse, niemals aber der Endpunkt.
Ein sinnvoller Ablauf könnte so aussehen: Zunächst verschafft das KGV einen schnellen ersten Eindruck, ob eine Aktie grob teuer oder günstig wirkt. Anschließend ordnet man den Wert in den Branchenkontext ein und vergleicht ihn mit direkten Wettbewerbern sowie mit der eigenen Historie des Unternehmens. Danach prüft man, ob ein niedriges KGV womöglich eine berechtigte Ursache hat oder ein hohes durch Wachstum gedeckt ist – hier helfen forward KGV und PEG-Ratio weiter. Zum Schluss zieht man ergänzende Kennzahlen heran, etwa das Kurs-Buchwert-Verhältnis, die Verschuldung, die Eigenkapitalrendite oder den freien Cashflow.
Erst das Gesamtbild ergibt eine belastbare Einschätzung. Das KGV liefert dabei die erste Orientierung – schnell, intuitiv und vergleichbar. Mehr aber auch nicht, und genau dieses Bewusstsein trennt den souveränen Anleger vom Zahlengläubigen.
Fazit
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist zu Recht die bekannteste Bewertungskennzahl der Börse: Es ist einfach zu berechnen, leicht verständlich und über alle Aktien hinweg vergleichbar. Es zeigt auf einen Blick, wie viel Anleger für die Gewinne eines Unternehmens bezahlen, und liefert damit eine erste Antwort auf die Frage nach teuer oder günstig.
Seine Aussagekraft entfaltet das KGV jedoch nur im Vergleich – mit der Branche, mit den Wettbewerbern und mit der eigenen Geschichte. Ein niedriges KGV ist kein automatisches Kaufsignal, ein hohes kein Verbot. Wer die Kennzahl mit ihren Grenzen kennt, sie um Varianten wie das forward KGV, das Shiller-KGV und die PEG-Ratio ergänzt und sie in ein breiteres Bild einbettet, hat in ihr ein wertvolles Werkzeug. Wer sie dagegen für die ganze Wahrheit hält, läuft Gefahr, genau in die Fallen zu tappen, die hinter den vermeintlich einfachen Zahlen lauern.
Quellen:
- Kurs-Gewinn-Verhältnis – Wikipedia
- Dax-KGV | Kurs-Gewinn-Verhältnis – boerse.de
- DAX Kurs-Gewinn-Verhältnis – finanzen.net
- KGV erklärt: Formel, Interpretation und Grenzen – investing.com
- Shiller-KGV (CAPE Ratio) – Erklärung & Berechnung – deltavalue.de
- Kurs-Gewinn-Verhältnis | KGV – roboadvisor-portal.com