Iran und USA: Eine komplexe Beziehung zwischen Konflikt und Diplomatie

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Einleitung: Warum die Beziehung zwischen Iran und USA die Welt bewegt

Kaum eine bilaterale Beziehung der modernen Geopolitik ist so aufgeladen wie jene zwischen der Islamischen Republik Iran und den Vereinigten Staaten von Amerika. Seit der Islamischen Revolution 1979 prägen Misstrauen, gegenseitige Sanktionen, Stellvertreterkonflikte und gelegentliche diplomatische Tauwetter-Phasen das Verhältnis. Ölmärkte, Sicherheit im Nahen Osten, das nukleare Nichtverbreitungsregime und nicht zuletzt das Leben von Millionen Menschen in der Region hängen unmittelbar davon ab, wie sich Washington und Teheran zueinander verhalten.

Dieser Artikel zeichnet die wesentlichen Linien dieser Beziehung nach: von den historischen Wurzeln über das Atomabkommen JCPOA bis zu den aktuellen Spannungen im Jahr 2026. Er beleuchtet die wirtschaftlichen Folgen für beide Seiten, die regionalen Verwicklungen in Syrien, im Jemen, im Libanon und im Irak und versucht eine nüchterne Einordnung dessen, was die kommenden Jahre bringen könnten.

Historische Wurzeln: Vom Verbündeten zum Erzfeind

Bis Ende der 1970er Jahre galt der Iran unter Schah Mohammad Reza Pahlavi als einer der engsten Verbündeten der USA im Nahen Osten. Washington hatte 1953 maßgeblich am Sturz des demokratisch gewählten Premierministers Mohammad Mossadegh mitgewirkt, der zuvor die britische Anglo-Iranian Oil Company verstaatlicht hatte. Die von CIA und britischem MI6 koordinierte Operation Ajax brachte den Schah zurück an die Macht und legte den Grundstein für eine enge sicherheitspolitische und wirtschaftliche Allianz.

Diese Allianz endete abrupt mit der Islamischen Revolution im Februar 1979. Ajatollah Ruhollah Khomeini kehrte aus dem Pariser Exil zurück, der Schah floh, und am 4. November 1979 stürmten Studenten die US-Botschaft in Teheran. Die folgende Geiselkrise dauerte 444 Tage und endete erst am Tag der Amtseinführung Ronald Reagans im Januar 1981. Die USA brachen die diplomatischen Beziehungen ab, die bis heute, mehr als vier Jahrzehnte später, nicht wiederhergestellt worden sind. Die Interessen der USA in Teheran werden seither durch die Schweizer Botschaft als Schutzmacht vertreten.

Während des Iran-Irak-Krieges (1980 bis 1988) unterstützten die USA verdeckt den irakischen Diktator Saddam Hussein, lieferten aber zeitweise auch Waffen an den Iran, wie die Iran-Contra-Affäre 1986 enthüllte. Diese Doppelgleisigkeit prägte das Misstrauen Teherans nachhaltig.

Das Atomprogramm als Kernkonflikt

Spätestens seit Anfang der 2000er Jahre dominiert das iranische Atomprogramm die Agenda. Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA dokumentierte mehrfach undeklarierte Anreicherungsaktivitäten, woraufhin der UN-Sicherheitsrat zwischen 2006 und 2010 mehrere Sanktionsresolutionen verabschiedete. Die USA, die EU und weitere Staaten zogen mit einseitigen Sanktionen nach, die den iranischen Ölexport, das Bankensystem und die Versicherungswirtschaft schwer trafen.

Nach Jahren zäher Verhandlungen unterzeichneten Iran, die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates plus Deutschland (P5+1) sowie die EU im Juli 2015 in Wien den Joint Comprehensive Plan of Action, kurz JCPOA. Der Iran verpflichtete sich, die Zahl seiner Zentrifugen drastisch zu reduzieren, den Anreicherungsgrad auf 3,67 Prozent zu begrenzen und den Schwerwasserreaktor Arak umzubauen. Im Gegenzug wurden ein Großteil der internationalen Sanktionen aufgehoben.

Das Abkommen galt vielen Beobachtern als diplomatischer Durchbruch, war innenpolitisch in beiden Ländern aber umstritten. Im Mai 2018 zog Präsident Donald Trump die USA einseitig aus dem JCPOA zurück und führte eine Politik des „maximalen Drucks” ein. Die wieder eingesetzten Sanktionen trafen den Iran hart: Die Ölexporte brachen ein, die Landeswährung Rial verlor massiv an Wert, die Inflation stieg in den zweistelligen Bereich. Teheran reagierte ab 2019 schrittweise mit Verstößen gegen das Abkommen, erhöhte den Anreicherungsgrad zunächst auf 4,5 Prozent, später auf 20 und schließlich auf 60 Prozent – nur ein kleiner technischer Schritt von waffenfähigem Material mit 90 Prozent Anreicherung entfernt.

Die Tötung Soleimanis und ihre Folgen

Am 3. Januar 2020 töteten die USA mit einem Drohnenangriff am Bagdader Flughafen General Qasem Soleimani, den Kommandeur der Quds-Brigaden der iranischen Revolutionsgarden. Soleimani war einer der mächtigsten Männer des Iran und galt als Architekt der iranischen Regionalstrategie. Teheran reagierte mit Raketenangriffen auf US-Basen im Irak, bei denen mehr als hundert US-Soldaten Hirnverletzungen erlitten. Wenige Stunden später schoss die iranische Luftabwehr versehentlich ein ukrainisches Passagierflugzeug ab, alle 176 Insassen starben.

Die Tötung Soleimanis markierte einen Tiefpunkt der Beziehungen und veränderte die Eskalationslogik im Nahen Osten dauerhaft. Sie zeigte zudem, dass die USA bereit waren, hochrangige iranische Militärs auf dem Boden eines Drittstaates gezielt anzugreifen.

Wirtschaftliche Dimension: Sanktionen und ihre Folgen

Die US-Sanktionen gegen den Iran zählen zu den umfassendsten der modernen Wirtschaftsgeschichte. Sie betreffen den Öl- und Gassektor, den Finanzdienstleistungssektor, die Petrochemie, Schifffahrt und Häfen, den Automobilbau und zahlreiche Einzelpersonen sowie Unternehmen. Besonders wirksam sind die sogenannten Sekundärsanktionen, die auch Drittstaaten und nicht-amerikanische Unternehmen treffen, sobald diese Geschäfte mit dem Iran tätigen.

Für die iranische Bevölkerung sind die Folgen spürbar: Die Inflation lag in den vergangenen Jahren oft über 40 Prozent, der Mittelstand wurde geschwächt, viele junge, gut ausgebildete Iraner wanderten aus oder bemühen sich um eine Ausreise. Gleichzeitig hat sich das Regime an die Sanktionen angepasst. Über Schmuggelrouten, Tauschgeschäfte mit China, Russland und Venezuela sowie ein Netz von Strohfirmen gelangen iranische Ölexporte trotz Sanktionen auf den Weltmarkt. China gilt seit Jahren als wichtigster Abnehmer iranischen Rohöls, oft zu erheblichen Rabatten.

Auch die US-Wirtschaft spürt die Folgen: US-Unternehmen sind faktisch vom iranischen Markt mit über 85 Millionen vergleichsweise gebildeten Konsumenten ausgeschlossen, während europäische und asiatische Konkurrenten zumindest zeitweise Vorteile hatten.

Regionale Stellvertreterkonflikte

Ein Großteil der Konflikte zwischen Washington und Teheran wird nicht direkt, sondern über regionale Akteure ausgetragen. Der Iran hat über Jahrzehnte ein Netzwerk verbündeter Milizen und politischer Bewegungen aufgebaut, das in Teheran selbst als „Achse des Widerstands” bezeichnet wird.

Im Libanon zählt dazu die Hisbollah, die seit dem Bürgerkrieg eine der mächtigsten politischen und militärischen Kräfte ist. Im Irak operieren mehrere schiitische Milizen, die in den staatlichen Volksmobilisierungseinheiten zusammengefasst sind und häufig amerikanische Einrichtungen angreifen. In Syrien hat der Iran das Regime Bashar al-Assads jahrelang gestützt, bis dieses Ende 2024 zusammenbrach – ein schwerer strategischer Rückschlag für Teheran. Im Jemen unterstützt der Iran die Huthi-Bewegung, die seit dem Beginn des Gazakriegs 2023 Schiffe im Roten Meer angreift und damit den Welthandel massiv beeinträchtigt.

Die USA wiederum unterhalten Militärbasen in nahezu allen Anrainerstaaten des Persischen Golfs, darunter Bahrain (Hauptquartier der 5. US-Flotte), Katar (Luftwaffenbasis Al-Udeid), Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien. Schätzungen zufolge sind mehrere zehntausend US-Soldaten in der Region stationiert.

Der Gaza-Krieg und seine Auswirkungen

Der Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und die darauffolgende militärische Eskalation veränderten die Region fundamental. Der Iran, der Hamas politisch und finanziell unterstützt, wurde indirekt in den Konflikt hineingezogen. Im April 2024 griff Teheran erstmals direkt israelisches Staatsgebiet mit Drohnen und Raketen an, ein historisches Novum. Israel reagierte mit Schlägen gegen iranische Luftabwehrstellungen.

2024 und 2025 schwächten gezielte israelische Angriffe das Hisbollah-Führungspersonal massiv. Der Sturz Assads im Dezember 2024 unterbrach die Landverbindung zwischen Iran und Hisbollah. Damit hat sich die regionale Machtbalance erheblich zu Ungunsten Teherans verschoben. Die „Achse des Widerstands” ist geschwächt, aber nicht zerstört.

Innenpolitik in beiden Ländern

Die US-Politik gegenüber dem Iran schwankt traditionell mit den Präsidentschaftswechseln. Demokratische Administrationen tendieren eher zu diplomatischen Lösungen, republikanische zu härteren Sanktionen und militärischer Drohkulisse. Die Wiederwahl Donald Trumps im November 2024 brachte eine Rückkehr zur Politik des maximalen Drucks. Gleichzeitig signalisierte Trump wiederholt Verhandlungsbereitschaft, sofern Teheran zu seinen Bedingungen verhandele.

Auf iranischer Seite konkurrieren reformorientierte und hardlineorientierte Lager. Der im Juli 2024 gewählte Präsident Masoud Pezeshkian gilt als gemäßigt und hatte im Wahlkampf für eine Wiederbelebung des Atomabkommens und eine Lockerung der Sanktionen geworben. Die letzte Entscheidungsinstanz liegt jedoch beim Obersten Führer Ali Khamenei, der nun seit fast vier Jahrzehnten im Amt ist und 2026 das 87. Lebensjahr erreicht. Die Frage seiner Nachfolge ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der iranischen Politik und könnte den Kurs des Landes grundlegend verändern.

Die Rolle Chinas und Russlands

Eine vollständige Analyse der iranisch-amerikanischen Beziehungen ist ohne den Blick auf China und Russland nicht möglich. 2021 unterzeichneten Iran und China ein 25-jähriges strategisches Partnerschaftsabkommen, das chinesische Investitionen von bis zu 400 Milliarden US-Dollar in Aussicht stellt. China ist zudem mit Abstand der größte Abnehmer iranischen Öls.

Russland wiederum ist auf iranische Drohnen vom Typ Shahed-136 angewiesen, die seit 2022 massenhaft in der Ukraine eingesetzt werden. Im Gegenzug liefert Moskau moderne Waffensysteme, darunter Berichten zufolge Su-35-Kampfflugzeuge und Komponenten für die Luftabwehr. Diese Vertiefung der Beziehungen zwischen Teheran, Moskau und Peking bildet das Gegengewicht zum westlichen Sanktionsregime. Die BRICS-Erweiterung 2024, die den Iran als Vollmitglied aufnahm, gilt als symbolisches Zeichen dieser Verschiebung.

Cyber-Konflikt und hybride Kriegsführung

Neben offenen militärischen Konfrontationen ist der Cyber-Raum zu einem zentralen Schauplatz geworden. Der Stuxnet-Wurm, der zwischen 2009 und 2010 die iranische Urananreicherungsanlage in Natanz sabotierte, gilt als die erste bekannte staatliche Cyberwaffe und wird gemeinhin US-amerikanischen und israelischen Geheimdiensten zugeschrieben. Seither baut auch der Iran erhebliche offensive Cyberfähigkeiten auf und führte unter anderem Angriffe auf US-Banken, saudische Ölgesellschaften und westliche Wasserwerke durch.

Menschenrechte und Zivilgesellschaft

Die Menschenrechtslage im Iran ist ein weiterer Reibungspunkt. Der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini im September 2022 in Polizeigewahrsam löste landesweite Proteste unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit” aus. Die Niederschlagung durch die Sicherheitskräfte forderte nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mehrere hundert Tote. Die USA und die EU verhängten daraufhin gezielte Sanktionen gegen Verantwortliche der Sittenpolizei und Revolutionsgarden.

Gleichzeitig leiden viele Iraner unter den indirekten Folgen der US-Sanktionen, etwa bei der Versorgung mit Medikamenten und medizinischer Ausrüstung. Diese humanitäre Dimension wird in der Debatte oft vernachlässigt, ist aber ein wesentlicher Faktor für das Bild der USA in der iranischen Gesellschaft.

Gefangenenaustausche und Hinterkanaldiplomatie

Trotz aller Spannungen gibt es regelmäßig Hinterkanäle, oft vermittelt durch Oman, Katar oder die Schweiz. Mehrfach wurden in den vergangenen Jahren Gefangenenaustausche organisiert: Iranisch-amerikanische Doppelstaatler, die im Iran wegen Spionagevorwürfen inhaftiert waren, kamen frei im Tausch gegen iranische Staatsbürger in US-Haft, kombiniert mit der Freigabe eingefrorener iranischer Gelder. Diese Deals sind innenpolitisch heikel, zeigen aber, dass auch in tiefster Eiszeit pragmatische Lösungen möglich sind.

Energiemärkte und globale Auswirkungen

Der Iran verfügt über die viertgrößten nachgewiesenen Erdölreserven und die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt. Eine vollständige Reintegration in den Weltmarkt würde die globalen Energiepreise spürbar beeinflussen. Die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des global gehandelten Öls fließt, ist seit Jahrzehnten ein potenzieller Krisenherd. Jede ernsthafte Eskalation zwischen Iran und USA hat unmittelbare Auswirkungen auf den Ölpreis und damit auf die Inflation weltweit, auch in Deutschland.

Für die deutsche Wirtschaft sind diese Zusammenhänge nicht abstrakt: Steigende Energiepreise belasten Industrie und Verbraucher, Unsicherheit im Persischen Golf beeinträchtigt die Schifffahrt, und deutsche Unternehmen, die im Iran Geschäfte machen wollten, sehen sich regelmäßig mit US-Sekundärsanktionen konfrontiert.

Aussichten für 2026 und darüber hinaus

Wie könnte sich die Beziehung in den kommenden Jahren entwickeln? Mehrere Szenarien sind denkbar.

Im ersten Szenario gelingt eine begrenzte Übereinkunft: Der Iran friert seine Anreicherung auf 60 Prozent ein und lässt erweiterte Inspektionen zu, im Gegenzug werden einige Sanktionen gelockert. Ein solcher „JCPOA light” wäre kein neuer großer Wurf, könnte aber kurzfristig Stabilität bringen.

Im zweiten Szenario eskaliert die Lage militärisch. Israel oder die USA greifen iranische Atomanlagen direkt an, Teheran reagiert mit Angriffen auf US-Stützpunkte und Schiffe in der Region. Ein solcher Krieg hätte unkalkulierbare Folgen für die Region und die Weltwirtschaft.

Im dritten Szenario bleibt die Lage im Schwebezustand: Sanktionen werden verschärft, Teheran reichert weiter an, doch ein offener Krieg wird vermieden. Diese Variante ist möglicherweise die wahrscheinlichste, aber langfristig fragil.

Entscheidend wird sein, ob beide Seiten zu einem realistischen Gespräch über gegenseitige Sicherheitsinteressen bereit sind. Solange Washington den Sturz des iranischen Regimes als unausgesprochenes Ziel verfolgt und Teheran in den USA den „Großen Satan” sieht, bleibt der Verhandlungsspielraum eng.

Fazit

Die Beziehung zwischen Iran und USA ist mehr als ein bilaterales Problem. Sie steht für eine Reihe grundlegender Fragen der internationalen Ordnung: Wie geht man mit revolutionären Regimen um, die regionale Vormachtansprüche stellen? Welche Rolle spielen Sanktionen als außenpolitisches Instrument, wenn sie die Bevölkerung mehr treffen als die Eliten? Wie lässt sich nukleare Nichtverbreitung sichern, wenn das wichtigste Abkommen einseitig gekündigt wurde?

Für Europa, und besonders für Deutschland als bedeutende Handelsnation und JCPOA-Mitunterzeichner, ist die Frage nicht akademisch. Energie, Sicherheit, Migration, Welthandel – all das hängt mittelbar mit dem Zustand dieser Beziehung zusammen. Eine eigenständige europäische Iranpolitik, die zwischen den Polen Washington und Teheran vermittelt, wäre wünschenswert, ist aber angesichts der transatlantischen Bindungen und der innereuropäischen Differenzen schwierig.

Was bleibt, ist die nüchterne Erkenntnis: Über vierzig Jahre nach der Islamischen Revolution sind sich Iran und USA weiter entfernt als je zuvor und doch in einer Weise miteinander verstrickt, die beide Seiten nicht lösen können. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob aus dieser Verstrickung ein gangbarer Modus Vivendi wird – oder ein offener Konflikt mit globalen Folgen.

MW
Marco Weiss

Author of Leicht Gewandert. Sharing insights and practical tips on topics that matter.