GB News: Was hinter Großbritanniens umstrittenstem Nachrichtensender steckt
Wer sich mit der britischen Medienlandschaft beschäftigt, kommt an drei Buchstaben nicht mehr vorbei: GB News. Der Sender startete im Juni 2021 als Herausforderer von BBC News und Sky News – und wurde in den ersten Wochen vor allem für Tonprobleme, schlechte Ausleuchtung und Zuschauerzahlen belächelt, die zeitweise bei null lagen. Fünf Jahre später steht derselbe Sender in den monatlichen Quotenmeldungen regelmäßig vor beiden Konkurrenten, hat mehr als 130 Millionen Pfund Verlust angehäuft und einen Rechtsstreit gegen die britische Medienaufsicht gewonnen, der die Regulierung des Rundfunks im Vereinigten Königreich verändert hat.
Dieser Artikel ordnet ein, was GB News eigentlich ist: wie der Sender entstand, wem er gehört, wie er finanziert wird, wie groß sein Publikum tatsächlich ist, warum er politisch so umstritten ist – und wie man ihn von Deutschland aus verfolgen kann.
Der Start 2021 und der schnelle Bruch mit Andrew Neil
GB News ging am 13. Juni 2021 auf Sendung. Das Gesicht des Projekts war Andrew Neil, einer der bekanntesten politischen Journalisten des Landes: früherer Chefredakteur der Sunday Times, früherer Vorsitzender von Sky News, jahrzehntelang bei der BBC das gefürchtetste Interview im britischen Fernsehen. Neil war zugleich Chairman und Hauptmoderator.
Sein Konzept war ausdrücklich nicht das eines weiteren nüchternen Nachrichtenkanals. Neil kündigte an, GB News werde sich an meinungsstarken US-Sendern orientieren – mit Moderatoren, die Haltung zeigen und Kanten haben. Der Sender sollte jene Zuschauer ansprechen, die sich von BBC und Sky nicht repräsentiert fühlten: außerhalb Londons, älter, tendenziell für den Brexit, skeptisch gegenüber dem, was in Großbritannien gern als „metropolitan consensus” bezeichnet wird.
Die Umsetzung ging schief. Die technische Qualität der ersten Wochen wurde breit verspottet, Werbekunden zogen sich unter dem Druck von Kampagnen zurück, und die Quoten brachen nach der Startneugier ein. Neil verschwand nach wenigen Wochen aus dem Programm und trat rund drei Monate nach dem Start als Moderator und Chairman zurück. Später bezeichnete er GB News in einem Interview als den größten Einzelfehler seiner damals fünfzigjährigen Medienkarriere – er sei zu einer „Minderheit von einem” geworden, also allein mit seiner Vorstellung davon, was der Sender werden sollte.
Was danach kam, war weniger Andrew Neils Sender als der Sender der Meinungsformate: lange Talkstrecken, feste Moderatorenpersönlichkeiten, Zuschauerbeteiligung, aggressives Ausspielen einzelner Clips in sozialen Netzwerken.
Wem GB News gehört
Hinter GB News steht die Muttergesellschaft All Perspectives. Die beiden bestimmenden Anteilseigner sind der Hedgefonds-Investor Sir Paul Marshall und Legatum Ventures, eine in Dubai ansässige Investmentgruppe. Öffentliche Gelder fließen nicht: Anders als die BBC finanziert sich GB News nicht aus Rundfunkgebühren, sondern vollständig aus privatem Kapital und Werbeerlösen.
Marshall ist dabei mehr als ein Geldgeber eines einzelnen Kanals. Er steht hinter der Online-Plattform UnHerd und kaufte 2024 das traditionsreiche Wochenmagazin The Spectator für rund 100 Millionen Pfund. In der britischen Debatte wird deshalb häufig von einem entstehenden konservativen Medienverbund gesprochen, in dem GB News das Bewegtbild-Standbein bildet. Kritiker – etwa das Recherchenetzwerk DeSmog – verweisen zusätzlich auf Marshalls Investments im fossilen Energiesektor und fragen, wie sich das zur klimaskeptischen Grundhaltung mancher Programme verhält.
Für die Einordnung wichtig: Diese Eigentümerstruktur ist der Grund, warum GB News trotz massiver Verluste weitersendet. Der Sender ist kein sich selbst tragendes Unternehmen, sondern ein von wohlhabenden Investoren getragenes Projekt mit politischem Anspruch.
Die Zahlen: hohe Verluste, aber wachsender Umsatz
Die Bilanz ist eindeutig – und sie hat zwei Seiten.
Im Geschäftsjahr bis Mai 2025 steigerte GB News den Umsatz um 66 Prozent auf gut 26 Millionen Pfund. Gleichzeitig sank der Jahresverlust um 34 Prozent auf rund 22 Millionen Pfund. Kumuliert haben Marshall und Legatum seit dem Start 2021 damit etwa 131 Millionen Pfund verloren. Anfang 2025 schossen die Eigentümer weitere rund 34 Millionen Pfund nach; auch in den Jahren davor gab es wiederholt Kapitalspritzen, darunter eine von 41 Millionen Pfund nach besonders hohen Verlusten.
Im Geschäftsbericht heißt es sinngemäß, die Gesellschaft genieße starken Rückhalt ihrer Investoren und die Geschäftsführung habe keinen Anlass zu der Annahme, dass diese Zahlungen wesentlich schwanken oder zurückgefordert würden, bevor die Gruppe sie zurückzahlen könne. Übersetzt: Der Sender lebt auf Zusage.
Die Richtung stimmt allerdings. Verdoppelt sich der Werbeumsatz weiter in diesem Tempo, während die Kosten stabil bleiben, ist ein Break-even nicht mehr völlig fern. Zum Vergleich lohnt der Blick auf die Konkurrenz: Auch Sky News schreibt seit Jahren Verluste, und der 2022 gestartete Konkurrent TalkTV gab das lineare Fernsehen bereits wieder auf und wanderte ins Netz ab. GB News ist damit der einzige Neuzugang der 2020er-Jahre, der im britischen Fernsehen überlebt hat.
Wie viele Menschen wirklich zuschauen
Hier wird es interessant, weil beide Seiten der Debatte mit denselben Zahlen Gegensätzliches beweisen wollen.
Die vom Sender gern zitierte Kennzahl stammt von BARB, der britischen Quotenmessstelle. Im Februar 2026 kam GB News auf durchschnittlich 99.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 1,54 Prozent – 13 Prozent mehr als im Januar. Damit lag der Sender im Monatsschnitt 27 Prozent vor dem BBC News Channel und 38 Prozent vor Sky News. Nach Angaben von GB News war es der sechste Monat in Folge, in dem der Kanal beide Konkurrenten beim Durchschnittspublikum zwischen 6 und 2 Uhr übertraf.
Die Gegenperspektive: 99.000 Zuschauer im Schnitt sind für einen nationalen Fernsehsender eine kleine Zahl. Der Nachrichtenkanal-Markt in Großbritannien ist insgesamt geschrumpft, weil jüngere Zielgruppen längst zu Streaming und sozialen Netzwerken abgewandert sind. „Nummer eins unter den Nachrichtenkanälen” heißt also nicht „Nummer eins im Nachrichtenkonsum” – die Nachrichtenformate im klassischen Hauptprogramm von BBC One und ITV erreichen ein Vielfaches.
Aussagekräftiger ist die Reichweite. Ende Mai 2025 meldete GB News 3,7 Millionen monatliche Fernsehzuschauer, ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr, sowie 547.300 Radiohörer laut RAJAR, plus 5,6 Prozent. Digital bleibt der Abstand dagegen groß: Nach Ipsos-iris-Daten erreichte das BBC-Angebot im November rund 40,9 Millionen Menschen, Sky News 19,2 Millionen und GB News 5,4 Millionen.
Ein Teil der tatsächlichen Wirkung taucht in keiner dieser Statistiken auf. GB News schneidet Programme konsequent in kurze Clips und spielt sie auf YouTube, X und Facebook aus. Einzelne Wortmeldungen aus einer Talkrunde mit wenigen zehntausend Live-Zuschauern erreichen dort Millionen. Wer die Relevanz des Senders nur an der linearen Quote misst, unterschätzt sie deshalb systematisch.
Der Streit mit Ofcom – und warum GB News gewann
Der wichtigste Konflikt des Senders lief nicht gegen Konkurrenten, sondern gegen die Medienaufsicht Ofcom. Im Kern geht es um zwei Regeln des Broadcasting Code: Regel 5.1 verlangt gebotene Genauigkeit und gebotene Ausgewogenheit in Nachrichten, Regel 5.3 verbietet es Politikern grundsätzlich, Nachrichtensendungen zu moderieren.
GB News beschäftigt aktive Politiker als Moderatoren – das ist im deutschen Rundfunk praktisch undenkbar und im britischen ein Sonderfall. Ofcom entschied im März 2024, dass zwei Ausgaben der Sendung Jacob Rees-Mogg’s State of the Nation aus Mai und Juni 2023 gegen beide Regeln verstoßen hätten. Begründung: Der konservative Abgeordnete Rees-Mogg habe eine 53-sekündige Eilmeldung vom Teleprompter verlesen und anschließend rund dreieinhalb Minuten mit einem Korrespondenten über die Nachrichtenlage gesprochen – damit sei er als Nachrichtensprecher aufgetreten, und die Nachricht sei nicht ausgewogen präsentiert worden.
GB News zog vor Gericht – und gewann. Anfang 2025 hob der High Court die Entscheidungen auf. Es war die erste erfolgreiche gerichtliche Überprüfung (Judicial Review) der Anwendung des Broadcasting Code überhaupt. Das Gericht folgte der Argumentation des Senders in zwei Punkten: Erstens erfasst das Verbot in Regel 5.3 Nachrichtensendungen, nicht aber politische Magazin- und Diskussionsformate. Zweitens lässt sich eine fehlende Ausgewogenheit nicht allein daraus ableiten, dass ein Politiker moderiert – nötig ist eine Betrachtung des gesamten Kontexts. Ofcoms Auslegung sei für Sender nicht vorhersehbar gewesen.
Die Folgen waren erheblich. Am 13. März 2025 zog Ofcom sämtliche verbliebenen Ausgewogenheitsverfahren gegen Politikersendungen zurück, darunter drei weitere Entscheidungen gegen GB News. Zwischen Mai und Juni 2025 konsultierte die Aufsicht dann öffentlich, ob Regel 5.3 verschärft werden solle, sodass Politiker in keinem Sendungstyp mehr Nachrichten präsentieren dürften.
Das Ergebnis überraschte viele: Ofcom verzichtete auf die Änderung. Unter den Sendern gab es breiten Konsens, den Wortlaut von Regel 5.3 beizubehalten – eine Verschärfung hätte in der Praxis erhebliche Abgrenzungsprobleme geschaffen. Stattdessen präzisierte die Aufsicht die Auslegungshinweise zu Regel 5.1, erläuterte das Zusammenspiel beider Regeln genauer und schärfte die Definition dessen, was als „Politiker” gilt. Wer den Fall verfolgt hat, kann das als doppelten Sieg für GB News lesen: erst vor Gericht, dann im Regulierungsverfahren.
Die Nähe zu Reform UK
Der schwerwiegendste Vorwurf gegen GB News lautet, der Sender sei faktisch zum Fernsehkanal einer Partei geworden. Das Prospect Magazine brachte es auf die Formel, GB News sei „Reform TV” geworden, ohne dass jemand eingeschritten wäre.
Die Faktenlage dazu ist unstrittig, die Bewertung nicht. Nigel Farage, Vorsitzender von Reform UK, moderiert an drei Abenden pro Woche eine eigene Sendung. Nach Recherchen von DeSmog verdiente er seit seiner Wahl ins Parlament im Juli 2024 mehr als 700.000 Pfund beim Sender; gemeinsam mit Lee Anderson, der im Mai 2026 Parteivorsitzender wurde und in drei Jahren als Moderator über 300.000 Pfund einnahm, kommen beide auf mehr als eine Million Pfund. Auch weitere aktive und ehemalige Politiker gehören zum Moderatorenstamm, etwa der frühere konservative Minister Michael Portillo und die frühere Labour-Abgeordnete Gloria De Piero. Daneben stehen klassische Fernsehnamen wie Eamonn Holmes, Patrick Christys, Camilla Tominey, Bev Turner, Michelle Dewberry, Neil Oliver und Nana Akua.
Aus Sicht der Kritiker entsteht so ein geschlossener Kreislauf: Eine Partei erhält Sendezeit, Reichweite und Einnahmen für ihr Spitzenpersonal, während der Sender im Gegenzug politische Relevanz und ein loyales Publikum gewinnt. Aus Sicht des Senders und seiner Zuschauer handelt es sich um Meinungsfernsehen, das offen deklariert ist – im Gegensatz zu einer Ausgewogenheit, die andere Sender behaupten, aber nach Ansicht dieses Publikums nicht einlösen.
Beide Positionen lassen sich schwer versöhnen, weil sie unterschiedliche Maßstäbe anlegen: Der eine misst an journalistischen Standards, der andere an Meinungsvielfalt im Gesamtsystem.
Was das für die deutsche Debatte bedeutet
Für deutsche Leser ist GB News auch deshalb interessant, weil er ein Modell zeigt, das es hier so nicht gibt. Deutschsprachige Medien wie der Tagesspiegel oder der Standard haben den Sender von Anfang an kritisch begleitet und in die Nähe amerikanischer Meinungssender gerückt.
Drei Unterschiede zum deutschen System sind entscheidend:
Der Rechtsrahmen. Ofcom reguliert nachträglich und sanktionsbasiert. In Deutschland kontrollieren die Landesmedienanstalten den privaten Rundfunk nach Landesrecht, und die Anforderungen an Ausgewogenheit sind bei bundesweiten Vollprogrammen anders konstruiert. Ein Format, in dem ein amtierender Bundestagsabgeordneter dreimal wöchentlich eine eigene Prime-Time-Sendung moderiert, wäre hier praktisch nicht darstellbar.
Die Marktstruktur. Großbritannien kennt seit Jahrzehnten reine Nachrichtenkanäle mit erkennbaren Handschriften. In Deutschland dominieren mit den öffentlich-rechtlichen Sendern und n-tv beziehungsweise WELT Angebote, die sich stärker am Nachrichtenformat und weniger an Moderatorenpersönlichkeiten orientieren.
Die Finanzierung. GB News lebt von Eigentümern, die ein politisches Projekt subventionieren. Dieses Modell – Vermögen als Ersatz für Rentabilität – prägt inzwischen einen erheblichen Teil des internationalen Meinungsjournalismus und ist die eigentlich neue Entwicklung, unabhängig von der politischen Richtung.
Wie man GB News von Deutschland aus sehen kann
Der Sender ist außerhalb Großbritanniens leichter zugänglich, als viele annehmen, weil er sein Programm bewusst breit ausspielt.
Im Vereinigten Königreich läuft GB News auf Freeview 236, Sky 512, Virgin Media 604, YouView 236 und Freesat 216.
International und in Deutschland gibt es mehrere Wege:
- YouTube: Der offizielle Kanal überträgt einen durchgehenden Livestream und stellt zusätzlich einzelne Beiträge und ganze Sendungen ein. Das ist der unkomplizierteste Zugang.
- Website: Auf gbnews.com läuft der Livestream direkt im Browser, ergänzt um Textartikel und Mediatheksinhalte.
- App: Für iOS und Android verfügbar.
- Smart-TV und Streaming-Geräte: Der Sender ist unter anderem auf Samsung- und LG-Fernsehern, Apple TV, Android TV, Fire TV und Roku vertreten sowie über TuneIn.
- Radio: Im Vereinigten Königreich sendet GB News auch über DAB+; die Audioversion lässt sich international über die üblichen Streaming-Wege hören.
Ein Hinweis zur Einordnung des Gesehenen: Weil ein großer Teil der Inhalte über Clips zirkuliert, lohnt es sich, zumindest gelegentlich eine ganze Sendung zu verfolgen. Einzelne herausgeschnittene Wortmeldungen – ob empörend oder zustimmungsfähig – wirken isoliert oft anders als im Sendungskontext. Das gilt für Zustimmung wie für Kritik gleichermaßen.
Wie es weitergehen könnte
Drei Fragen entscheiden über die nächsten Jahre.
Erreicht der Sender die Gewinnzone? Ein Umsatzplus von 66 Prozent bei gleichzeitig um ein Drittel sinkenden Verlusten ist die bislang beste Bilanz seit dem Start. Bleibt dieser Trend stabil, verliert das Argument an Kraft, GB News sei ein reines Zuschussprojekt.
Hält die Regulierung? Nach dem Urteil des High Court und Ofcoms Entscheidung gegen eine Verschärfung von Regel 5.3 hat der Sender rechtlich Boden gewonnen. Die neuen Auslegungshinweise zu Regel 5.1 bleiben aber ein Instrument, das in künftigen Verfahren an Gewicht gewinnen kann – die Auseinandersetzung ist verschoben, nicht beendet.
Wie eng bleibt die Bindung an Reform UK? Diese Verbindung ist zugleich größte Stärke und größtes Risiko. Sie liefert Publikum, Aufmerksamkeit und Themen. Sie macht den Sender aber auch abhängig vom politischen Schicksal einer einzelnen Partei – und angreifbar in jeder Debatte über redaktionelle Unabhängigkeit.
Was sich unabhängig davon festhalten lässt: GB News hat den Beweis erbracht, dass sich im britischen Fernsehen ein Meinungssender etablieren lässt, der offen eine politische Richtung vertritt und trotzdem – oder gerade deswegen – die etablierten Nachrichtenkanäle bei den Durchschnittsquoten überholt. Ob man das als gesunde Erweiterung der Meinungsvielfalt oder als Erosion journalistischer Standards liest, ist eine politische Frage. Dass es funktioniert hat, ist keine.
Quellen
- Press Gazette: GB News viewing figures
- Press Gazette: GB News grows revenue as losses narrow
- Ofcom: Statement zu Regel 5.3 – Politicians presenting news
- Ofcom: Stellungnahme zum Urteil GB News v Ofcom
- BBC News: GB News wins Ofcom legal challenge over Jacob Rees-Mogg shows
- BBC News: GB News posts £42m loss but grows online audience
- DeSmog: Farage and Anderson have made £1 million from GB News
- Prospect Magazine: GB News has become Reform TV
- GB News: How to watch
- Tagesspiegel: Neuer Briten-Sender GB News
- Insider Media: The Spectator – wer ist der neue Eigentümer Sir Paul Marshall?