Anita Manning: Die schottische Antiquitätenexpertin, die das britische Fernsehen prägt
Wer ist Anita Manning?
Anita Manning gehört zu jenen Persönlichkeiten, die das britische Tagesfernsehen über Jahre hinweg geprägt haben, ohne dabei je den Bezug zu ihrer Heimatstadt Glasgow zu verlieren. Geboren am 1. Dezember 1947, ist sie heute Mitte siebzig – und steht noch immer regelmäßig vor der Kamera oder hinter dem Auktionspult. Sie ist Antiquitätenhändlerin, Auktionatorin, Fernsehexpertin und nach allgemeiner Anerkennung die erste Frau, die in Schottland als Auktionatorin tätig war. In Deutschland kennt man sie vor allem aus den BBC-Formaten Bargain Hunt, Flog It! und Antiques Road Trip, die auch hierzulande eine wachsende Fangemeinde haben – Sendungen, in denen es um den charmanten Handel mit alten Möbeln, Porzellan, Schmuck und Kuriositäten geht.
Wer Anita Manning zum ersten Mal sieht, merkt schnell: Hier steht eine Frau, deren Begeisterung für Antiquitäten echt ist. Sie spricht mit ausgeprägtem Glasgower Akzent, lacht laut, liebt rote Lippenstifte und farbenfrohe Kleidung und hat den Ruf, mit gnadenlosem Verhandlungsgeschick und herzlichem Humor jedes Auktionsparkett aufzumischen. Dieser Artikel zeichnet ihren Werdegang nach, beleuchtet ihr Auktionshaus Great Western Auctions in Glasgow und erklärt, warum sie weit über Großbritannien hinaus zu einer Identifikationsfigur für Menschen geworden ist, die sich für klassische Sammelstücke begeistern.
Vom Tanzunterricht zum Auktionspult
Anita Manning wuchs in Glasgow auf – einer Stadt, deren industrielle Vergangenheit eine reiche Schicht von Möbeln, Geschirr, Maschinen und Kunsthandwerk hinterlassen hat. Ihr Vater nahm sie schon als Kind regelmäßig zu den Auktionen auf der Sauchiehall Street mit. Diese Streifzüge weckten ein lebenslanges Interesse: Sie lernte früh, alte Möbel zu betrachten wie kleine Zeitkapseln, von denen jede eine eigene Geschichte mitbringt.
Ihre ursprüngliche Ausbildung hatte allerdings wenig mit Antiquitäten zu tun. Manning studierte Sportwissenschaft mit Schwerpunkt Tanz in Aberdeen und Edinburgh und arbeitete zunächst als Lehrerin. Erst nach Heirat und Familiengründung führte sie ein Zufall in die Branche zurück. Sie kaufte in den 1970er-Jahren von einem irischen Händler ein Bett – und dieser bot ihr im Anschluss eine Stelle als Einkäuferin an. Anita Manning sagte zu, packte ihre Sachen in einen Transporter und fuhr drei Jahre lang quer durch England und Irland, um Möbel zu kaufen und weiterzuverkaufen.
Diese Lehrjahre auf der Landstraße prägen ihre Arbeitsweise bis heute. Sie hat ein Gespür für Möbel und Kleinkunst, das nicht aus Büchern stammt, sondern aus tausenden direkten Begegnungen mit Verkäuferinnen, Bauernhöfen, Nachlässen und Trödelmärkten. In Interviews betont sie immer wieder, wie wichtig dieses haptische Wissen sei: Eine Schublade öffnen, an Holz riechen, mit dem Finger über eine Fuge fahren – das könne kein Online-Katalog der Welt ersetzen.
Great Western Auctions: Glasgows Auktionshaus mit Frauenhandschrift
1989 gründete Anita Manning gemeinsam mit ihrer Tochter Lala das Auktionshaus Great Western Auctions im Westen Glasgows. Es war ein gewagter Schritt: Auktionshäuser in Schottland galten damals als undurchdringliche Männerdomäne, und mit einer Mutter-Tochter-Geschäftsführung an der Spitze gab es schlicht keinen Präzedenzfall. Anita Manning gilt seither weithin als erste Auktionatorin Schottlands – ein Titel, den sie mit der ihr eigenen Mischung aus Stolz und ironischem Augenzwinkern trägt.
Great Western Auctions versteigert eine breite Palette an Stücken: viktorianisches Mobiliar, schottische Silberarbeiten, Schmuck, Gemälde, asiatische Kunst, Bücher und Spielzeug. Das Haus hat sich besonders bei der Verwertung von Nachlässen einen Namen gemacht und gilt als seriöse Anlaufstelle für Erbinnen und Erben, die nicht wissen, was Großmutters Vitrine eigentlich wert ist. Zugleich pflegt es einen wenig elitären Stil: Wer einen alten Lampenständer oder eine Sammlung Postkarten begutachten lassen will, ist genauso willkommen wie wer eine Sammlung viktorianischer Granate aus Familienbesitz auflöst.
Diese Bodenständigkeit ist Teil der Marke Anita Manning. Sie inszeniert sich nicht als Kunstpäpstin, sondern als Händlerin, die mit beiden Beinen im realen Markt steht – und genau das macht sie für das Fernsehen so wertvoll.
Der Einstieg ins Fernsehen
Seit 2010 ist Anita Manning regelmäßig im britischen Tagesprogramm zu sehen. Den Anfang machte ihr Auftritt als Expertin in Bargain Hunt, der seit 2000 laufenden BBC-Kultsendung, in der zwei Zweierteams auf einem Antiquitätenmarkt Schnäppchen kaufen und sie anschließend versteigern lassen. Die Teams werden jeweils von einem Experten begleitet, der berät, einschätzt und im Idealfall einen kleinen Gewinn erkämpft.
Manning war dafür wie geschaffen. Ihr Glasgower Tempo, ihre Bereitschaft, auch einmal mit einer fragwürdigen Kaufentscheidung der Kandidaten zu hadern, und ihre offensichtliche Fachkenntnis machten sie schnell zum Publikumsliebling. Es folgten Auftritte in Flog It!, einer ähnlich gelagerten BBC-Sendung, in der Privatleute ihre Stücke zur Schätzung mitbringen, sowie ein fester Platz im Stammkader von Antiques Road Trip. In diesem Format reisen zwei Antiquitätenexperten in altmodischen Autos durch das Vereinigte Königreich, kaufen unterwegs Stücke und treten am Ende der Etappe in einer Auktion gegeneinander an.
Das Konzept ist deshalb so erfolgreich, weil es Wissensvermittlung, Reisefilm und sportlichen Wettkampf verbindet. Anita Manning hat in den vergangenen Jahren unzählige Etappen bestritten und sich dabei einen Ruf als kühne Spielerin erarbeitet, die auch riskante Gebote nicht scheut, wenn sie ihrem Instinkt vertraut.
Der legendäre Buddha-Coup von 2016
Im Jahr 2016 schrieb Anita Manning Sendungsgeschichte. Sie ersteigerte für die Antiques Road Trip eine kleine Buddha-Statue für umgerechnet rund 50 Pfund – ein unscheinbares Stück, das in einer ländlichen Auktion fast übersehen worden wäre. Bei der nächsten Versteigerung wurde dieselbe Figur dann für 3.800 Pfund verkauft. Das entspricht einem Gewinn von 7.500 Prozent und stellte damals den Rekord für den größten Gewinn an einem einzigen Stück in der Geschichte der Sendung auf.
Der Buddha-Coup ist mehr als eine charmante Anekdote: Er steht beispielhaft für die Art, wie Manning Antiquitätenhandel begreift. Wer in dieser Branche bestehen will, braucht Wissen, Geduld – und einen guten Blick für jene zwei, drei Stücke, an denen das gesamte Tagesgeschäft hängt. Tausende kleine Käufe mit knapper Marge werden durch einen einzigen Glücksgriff veredelt, der einen Monat oder ein ganzes Jahr rettet. Genau diese Logik vermittelt Manning ihrem Publikum, ohne sie je in eine Lehrstunde zu verpacken.
Warum Antiquitätensendungen in Deutschland beliebt sind
Auch im deutschsprachigen Raum genießen britische Antiquitäten-Formate einen festen Zuschauerstamm. Streamingdienste machen Bargain Hunt, Flog It! und Antiques Road Trip mittlerweile leicht zugänglich, und nicht wenige deutsche Sammlerinnen und Sammler haben über diese Sendungen ihr eigenes Interesse an Möbeln, Schmuck oder Porzellan entdeckt.
Ein Grund dafür ist, dass der Antiquitätenmarkt in Deutschland in den letzten Jahren strukturelle Veränderungen erlebt hat. Viele klassische Stilmöbel – schwere Eiche, dunkle Vitrinen, Gründerzeit-Schränke – sind auf dem Sekundärmarkt zu erstaunlich niedrigen Preisen erhältlich. Wer regelmäßig Plattformen wie eBay Kleinanzeigen oder Auktionsportale beobachtet, sieht Aufrufpreise, die nicht selten unter 100 Euro liegen, obwohl die Verarbeitungsqualität jeden Möbel-Discounter überstrahlt. Sendungen wie die mit Anita Manning helfen, diese Stücke wieder neu zu sehen: als Investitionen in Substanz, nicht als verstaubte Erinnerung an Großtanten.
Ein zweiter Grund ist Manning selbst. In einer Medienlandschaft, die oft auf Jugend und Hochglanz setzt, präsentiert sie sich seit über fünfzehn Jahren als selbstbewusste, witzige, fachkundige Frau über sechzig. Sie zeigt, dass Expertinnenwissen mit Lebenserfahrung wächst – und sie tut das ohne erkennbare Pose. Für viele Zuschauerinnen ist sie deshalb mehr als nur eine Antiquitätenfigur: Sie ist ein Vorbild für ein selbstbestimmtes berufliches Leben jenseits klassischer Karrierepfade.
Was man von Anita Manning über Antiquitäten lernen kann
Aus den vielen hundert Sendeminuten lassen sich einige Grundsätze ableiten, die Manning immer wieder durchblicken lässt – und die für jeden, der mit Antiquitäten oder Vintage-Stücken handelt, hilfreich sind.
Substanz schlägt Mode. Manning bevorzugt Stücke, die handwerklich überzeugen: solides Holz, saubere Verbindungen, sauber gearbeitete Metallbeschläge. Trends auf dem Antiquitätenmarkt kommen und gehen – schwere viktorianische Möbel waren vor zwanzig Jahren unverkäuflich, sind heute aber bei jüngeren Käuferinnen wieder gefragt. Wer auf Qualität setzt statt auf Mode, kauft mit kleinerem Risiko.
Provenienz ist Gold wert. Ein Stück mit nachvollziehbarer Geschichte – aus welcher Werkstatt, welcher Familie, welchem Haushalt es stammt – erzielt regelmäßig höhere Preise als ein identisches Objekt ohne Hintergrund. Wer Erbstücke verkauft, sollte deshalb möglichst alle Belege, Fotos und mündlichen Überlieferungen dokumentieren.
Lokale Auktionen unterschätzen viele. In Manning-Sendungen schlagen die Experten oft bei kleinen, regionalen Häusern zu, weil dort weniger internationale Bieter mitfighten. Auch in Deutschland gibt es ein dichtes Netz an Provinzauktionen, von Saarbrücken bis Lübeck, in dem Stücke regelmäßig deutlich unter ihrem Sammlerwert weggehen. Wer Zeit investiert, kann hier echte Funde machen.
Verhandeln ist erlaubt. Auf Märkten und in Antiquitätenläden sind die Aufrufpreise selten in Stein gemeißelt. Manning lacht oft über zu schüchterne Käuferinnen, die den vollen Preis zahlen, ohne überhaupt zu fragen. Ein höflicher Vorschlag, zehn bis zwanzig Prozent unter dem Aufrufpreis, kostet niemanden etwas und führt erstaunlich häufig zum Erfolg.
Den Zustand realistisch einschätzen. Risse, Flecken, ergänzte Teile, neu lackierte Oberflächen – all das mindert den Wert deutlich. Manning prüft Stücke immer mit den Händen und nicht nur mit den Augen. Wer kaufen will, sollte sich die Mühe machen, Möbel anzuheben, Schubladen herauszuziehen und gegen das Licht zu schauen.
Manning außerhalb des Studios
Anita Manning lebt nach wie vor in Glasgow und engagiert sich für lokale Initiativen, darunter Veranstaltungen am Grassmarket Centre, einem sozialen Zentrum in Edinburgh, das Menschen in schwierigen Lebenslagen unterstützt. Sie hält Vorträge, tritt als After-Dinner-Speakerin auf und gibt regelmäßig Interviews, in denen sie über die Anfänge ihrer Karriere, ihre Familie und ihre Branche spricht. Ihre Tochter Lala führt das Auktionshaus mit, ihre Enkelkinder tauchen gelegentlich in Anekdoten auf.
In Interviews lässt sie selten den Glauben fehlen, dass das Antiquitätenhandwerk eine Zukunft hat – auch und gerade in einer Welt, in der industriell produzierte Möbel innerhalb weniger Jahre verschleißen. Nachhaltigkeit, sagt sie, sei nichts Neues: Wer ein 150 Jahre altes Möbelstück kauft, das schon fünf Familien überlebt hat, betreibt Kreislaufwirtschaft im besten Sinne.
Anita Manning und die Sichtbarkeit von Frauen in einer alten Branche
Der Antiquitätenhandel war jahrhundertelang fest in männlicher Hand. Auktionatoren, Galeristen, Schätzer – die Berufsbezeichnungen wurden bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein fast ausnahmslos männlich geführt. Dass Anita Manning 1989 ein eigenes Haus eröffnete und mit ihrer Tochter führte, war ein leiser, aber wirkungsvoller Bruch mit dieser Tradition.
Heute ist die Branche durchmischter, aber noch lange nicht ausgeglichen. Spitzenpositionen großer internationaler Häuser, von Sotheby’s über Christie’s bis hin zu deutschen Traditionsadressen, sind nach wie vor überwiegend männlich besetzt. Manning selbst sieht hier eine Aufgabe für die nächste Generation: Sie ermutigt junge Frauen ausdrücklich, sich nicht durch die Konvention abschrecken zu lassen, sondern in den Beruf einzusteigen – ob als Restauratorinnen, Schätzerinnen, Händlerinnen oder eben Auktionatorinnen.
Ihre eigene Sichtbarkeit im Fernsehen spielt dabei eine Rolle, die schwer zu überschätzen ist. Eine Frau, die mit Mitte siebzig auf einem Auktionspodium steht, den Hammer schwingt und sich von niemandem die Worte aus dem Mund nehmen lässt, prägt Bilder von Berufsmöglichkeiten – auch für Zuschauerinnen, die selbst nie ein Auktionshaus von innen sehen werden.
Auswirkungen auf den Sammlermarkt
Sendungen, in denen Manning auftritt, haben messbare Effekte auf den Markt. Verkäufer berichten regelmäßig, dass bestimmte Objektkategorien nach einem Auftritt im Fernsehen kurzfristig stärker nachgefragt werden – von Royal-Doulton-Figuren bis hin zu schottischem Silber. Anita Manning ist nicht die alleinige Treiberin dieses Effekts, sie steht aber stellvertretend für eine Generation von Fernsehexpertinnen, die das Hobby Antiquitäten aus dem Schattendasein geholt haben.
Auch für Verkäufer in Deutschland kann das relevant sein: Wer Sammlerstücke besitzt, die im englischsprachigen Raum nachgefragt werden – etwa Glas aus Böhmen, Porzellan aus Meißen oder Silber aus Augsburg – sollte den internationalen Markt nicht außer Acht lassen. Online-Auktionsplattformen mit englischsprachigem Publikum erzielen für bestimmte Kategorien deutlich höhere Preise als rein deutsche Häuser.
Fazit: Eine Frau, die mehr ist als Fernsehen
Anita Manning ist auf den ersten Blick eine fröhliche Glasgower Antiquitätenhändlerin mit BBC-Vertrag. Auf den zweiten Blick ist sie eine Pionierin: die erste Auktionatorin Schottlands, Mitgründerin eines erfolgreichen Auktionshauses, Fernsehfigur, Vorbild für Frauen in einer traditionsverhafteten Branche und Botschafterin für ein Handwerk, das weit mehr ist als verstaubte Folklore.
Für Sammlerinnen und Sammler in Deutschland, die ihre eigenen Strategien entwickeln wollen – sei es im Erbnachlass, beim Trödel oder auf einer regionalen Auktion – lohnt sich der Blick auf ihre Arbeit. Nicht, weil Manning Geheimrezepte verteilt, sondern weil sie eine grundlegende Haltung vermittelt: gründlich prüfen, mit Respekt vor dem Handwerk kaufen, fair verhandeln, mit Humor verkaufen und sich nie davon entmutigen lassen, wenn ein Stück einmal sitzen bleibt. Das nächste lohnt sich wieder.
Wer eine ihrer Sendungen einschaltet, sieht in den ersten Minuten meist nur eine charmante ältere Dame mit auffälliger Brille und Lachen. Wer länger zuschaut, erkennt eine Profi-Händlerin mit einem halben Jahrhundert Erfahrung – und versteht, warum Anita Manning zu Recht zu den prägenden Figuren des britischen Antiquitätenfernsehens zählt.
Quellen: