Adrian Mannarino: Der unorthodoxe Linkshänder, der das ATP-Feld seit fast zwei Jahrzehnten irritiert

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Wer ist Adrian Mannarino?

Adrian Mannarino, geboren am 29. Juni 1988 in Soisy-sous-Montmorency in der Pariser Vorstadt Val-d’Oise, gehört zu jenen Spielern, die man auf dem Tenniscourt sofort erkennt – nicht wegen athletischer Schlagkraft, nicht wegen spektakulärer Asse, sondern wegen einer Spielweise, die im modernen Profitennis als beinahe ausgestorben gilt. Der Franzose ist Linkshänder, schlägt den Ball extrem flach, nutzt eine außergewöhnlich niedrige Saitenspannung und gewinnt Punkte vor allem über Timing, Winkel und Frühphasen-Returns. In einer Ära, in der Topspin-Geschosse und Aufschlaggeschwindigkeiten jenseits der 220 Stundenkilometer den Ton angeben, ist Mannarino ein lebender Anachronismus – und genau das macht ihn für viele Tennisfans so faszinierend.

Seit seinem Profidebüt vor mehr als 17 Jahren hat er sich kontinuierlich in den oberen Regionen der ATP-Weltrangliste gehalten, die Top-20 erreicht und dabei mehrere Spielergenerationen kommen und gehen sehen. Im Juni 2026, mit fast 38 Jahren, steht er noch immer in den Top 50 der Welt – ein Beleg für die seltene Mischung aus Spielintelligenz, Konstanz und körperlicher Robustheit, die seine Karriere prägt.

Der frühe Weg: Vom Pariser Vorort auf die ATP-Tour

Mannarino wuchs in einer Region auf, die für den französischen Tennissport seit Jahrzehnten ein fruchtbarer Boden ist. Bereits als Junior fiel er auf, schaffte 2007 den Sprung in die ATP-Tour und kämpfte sich Schritt für Schritt durch die Challenger- und Futures-Ebene. Anders als viele Talente seines Jahrgangs galt er nie als die kommende Superstar-Hoffnung Frankreichs – diese Rolle übernahmen damals Jo-Wilfried Tsonga, Gilles Simon, Richard Gasquet und Gaël Monfils, die später als „Quatre Mousquetaires” der modernen Ära bezeichnet wurden.

Gerade dieser Status als ewiger Außenseiter scheint Mannarino aber gut bekommen zu haben. Während die prominenten Landsmänner unter dem Erwartungsdruck der französischen Tennisöffentlichkeit teils zermürbt wurden, baute Mannarino in aller Stille eine bemerkenswert lange Karriere auf, in der er sich konsequent treu blieb: ein flacher, schneller Ball, ein früher Returnschlag, kaum Zugeständnisse an Modeerscheinungen wie extreme Topspin-Forehands oder Westerngriffe.

Der Spielstil: Warum Mannarino so unbequem ist

Wer Mannarino zum ersten Mal spielen sieht, wundert sich oft über den optischen Eindruck. Seine Schläge wirken weich, fast nonchalant; der Ball verlässt seinen Schläger ohne den üblichen Topspin-Effekt, oft mit einem leichten Slice oder völlig flach. Doch genau das ist sein Trick.

Niedrige Saitenspannung als Markenzeichen. Mannarino ist berühmt – oder berüchtigt – dafür, seine Schläger mit nur etwa 9 bis 11 Kilogramm bespannen zu lassen. Zum Vergleich: Die meisten ATP-Profis spielen mit Spannungen zwischen 22 und 28 Kilogramm. Diese ungewöhnlich lose Bespannung verleiht dem Ball zusätzliche Beschleunigung und Kontrolle bei flachen Schlägen, gleichzeitig nimmt sie Schlagenergie aus den Bällen des Gegners. Das Ergebnis: Mannarinos Bälle wirken schwerer und schneller, als sie aussehen, und springen flacher ab, als die Gegner es gewohnt sind.

Frühe Returns und kurze Reaktionswege. Mannarino positioniert sich beim Return häufig sehr nah an der Grundlinie, manchmal sogar innerhalb des Feldes. Er nimmt den Ball sehr früh, oft im Aufsteigen, und raubt damit dem Aufschläger entscheidende Zehntelsekunden. Spieler mit dem klassisch modernen, weit hinten platzierten Returnstil tun sich gegen diese Strategie traditionell schwer.

Linkshändigkeit als zusätzliche Komplikation. Etwa 11 Prozent der Profis auf der ATP-Tour sind Linkshänder, und für rechtshändige Gegner stellt jeder Match-Up gegen einen Lefty eine taktische Umstellung dar. In Kombination mit Mannarinos flacher Schlagweise und dem ungewöhnlichen Timing wird daraus ein ernstes Problem: gewohnte Schlagmuster, gewohnte Winkelreaktionen, gewohnte Vorhand-zu-Vorhand-Duelle – all das funktioniert gegen ihn anders.

Block- und Slice-Backhand. Seine Rückhand spielt Mannarino meist beidhändig, mischt jedoch häufig Slice ein – ein weiteres Stilelement, das im modernen Topspin-Tennis fast verschwunden ist. Gegner berichten regelmäßig, dass Mannarinos Bälle „nicht hochkommen” und sie zwingen, sich tief zu bücken, was Rhythmus und Beinarbeit stört.

Karrierehöhepunkte und Titel

Adrian Mannarinos Vitrine ist nicht überfüllt mit Grand-Slam-Trophäen – das war auch nie sein Anspruch. Aber für einen Spieler, dem nie der Status eines „Top-Ten-Favoriten” zugeschrieben wurde, hat er bemerkenswert beständig Titel auf der ATP-Tour eingesammelt.

Sein erster ATP-Titel kam 2019 auf dem heimlichen Lieblingsbelag vieler Linkshänder: Rasen. Im niederländischen Rosmalen setzte er sich in einem Turnier durch, das traditionell als Wimbledon-Vorbereitung dient. Es war ein passender Ort für einen Mannarino-Triumph, denn auf Rasen kommen seine flachen, schnellen Bälle besonders gut zur Geltung – der niedrige Absprung des Belags addiert sich zur ohnehin geringen Flughöhe seiner Schläge.

In den Folgejahren kamen weitere Titel hinzu, unter anderem in Winston-Salem, einem stark besetzten US-Open-Vorbereitungsturnier. 2023 erlebte er dann seine wohl produktivste Saison: Mit drei Turniersiegen – darunter Sofia, Astana und Newport – gewann er innerhalb eines Jahres so viele Titel wie nie zuvor. Das brachte ihm Anfang 2024 die persönliche Bestplatzierung von Weltranglistenplatz 17 ein, ein Karrierehöhepunkt, den viele Beobachter im Alter von damals 35 Jahren kaum noch erwartet hätten.

Bei Grand-Slam-Turnieren ist die vierte Runde mehrfach seine Bestmarke. Vor allem in Wimbledon, bei den Australian Open und in New York hat er mit seinem Stil immer wieder höher gesetzte Gegner ausgeschaltet. Insbesondere ein Auftritt in Melbourne 2024, als er Ben Shelton mit überraschend dominantem Stil schlug, brachte ihm internationale Aufmerksamkeit – sein „Sleeper-Status” auf Hartplatz wurde damit endgültig zur taktischen Warnung in den Turnierauslosungen.

Spielerischer Werdegang und Lieblingsbeläge

Rasen. Wenn Mannarino einen Belag bevorzugt, dann Rasen. Auf dem niedrigen, schnellen Untergrund kommen alle seine Stärken zusammen: flacher Schlag plus niedriger Absprung ergibt eine Kombination, mit der viele Gegner überfordert sind. Halle, Queen’s, Rosmalen und Newport sehen ihn deshalb regelmäßig im Hauptfeld weit vorne.

Hartplatz. Auch auf Hartplatz spielt er ein gefährliches Tennis, vor allem auf den schnelleren Belägen. Beim US Open und den Australian Open hat er mehrfach Achtelfinaltickets gelöst.

Sand. Sein schwächster Belag, was angesichts seiner Spielweise wenig überrascht. Hohe Topspin-Bälle der Sandplatzspezialisten neutralisieren seine flachen Linien, der langsamere Belag gibt Gegnern Zeit, sich auf den niedrigen Absprung einzustellen. Bei den French Open – seinem Heimturnier – hat er entsprechend selten ganz vorne mitgespielt.

Die Saison 2026: Routinier in unruhigem Fahrwasser

Die laufende Saison 2026 verläuft für Mannarino bisher gemischt. Stand Juni 2026 steht er in den ATP-Rankings im Bereich der Plätze 44 bis 46, mit einer durchwachsenen Bilanz von sieben Siegen und 14 Niederlagen. Eine Erfolgsquote von nur etwa einem Drittel der Matches ist für seine Verhältnisse unterdurchschnittlich – über seine gesamte Karriere weist er mehr Siege als Niederlagen auf.

Mehrere Faktoren spielen hier zusammen. Mit knapp 38 Jahren ist die Erholung zwischen den Turnieren spürbar schwieriger geworden. Die Tour pflastert die Hartplatzsaison im Frühjahr mit dicht getakteten Masters-Events, was körperlich erfahrene Profis härter trifft als jüngere Gegner mit kürzeren Regenerationszeiten. Hinzu kommt, dass das Feld der jungen Spieler – allen voran die Generation um Holger Rune, Arthur Fils, Joao Fonseca und die Klasse von 2002 bis 2006 – inzwischen die Tour spürbar verjüngt hat. Diese Spieler bringen Power und Athletik mit, gegen die Mannarinos Stilkonzept nur dann aufgeht, wenn das Timing perfekt sitzt.

Trotzdem darf man ihn nicht abschreiben. Mannarino hat in den vergangenen Jahren mehrfach demonstriert, dass er in der zweiten Jahreshälfte – vor allem im US-Hartplatzschwung im August und der Halleninssaison im Oktober/November – noch einmal aufdrehen kann. Punkte aus 2023 und 2024 fallen in dieser Zeit aus der Wertung, sodass selbst ein paar gute Ergebnisse genügen würden, ihn wieder Richtung Top 35 zu schieben.

Charakter, Auftreten und öffentliche Wahrnehmung

Mannarino ist auf der Tour als ruhiger, fast introvertierter Profi bekannt. Spektakuläre Outbursts, Interview-Skandale oder Social-Media-Provokationen sind nicht sein Metier. In Pressekonferenzen antwortet er sachlich, oft mit leiser Selbstironie über sein eigenes Spiel. „Ich treffe den Ball nicht hart, ich treffe ihn früh”, hat er sinngemäß mehrfach erklärt – ein Satz, der seine gesamte Spielphilosophie zusammenfasst.

In den sozialen Medien tritt er zurückhaltend auf, eine deutliche Abgrenzung zu vielen jüngeren Profis, die ihre Reichweite gezielt als zweites Standbein ausbauen. Diese Bodenständigkeit hat ihm im Tennisbiotop eine gewisse Sympathie eingebracht; in Frankreich wird er häufig als „Anti-Star” beschrieben – ein Profi, der ohne Marketingmaschinerie eine bemerkenswerte Karriere aufgebaut hat.

Frankreichs Linkshänder-Tradition: Mannarinos Rolle

Frankreich hat im internationalen Tennis seit Jahrzehnten eine bemerkenswerte Dichte an Spielern, die in den Top 100 vertreten sind. Linkshänder sind in dieser Generation jedoch seltener – Mannarino ist der prominenteste Vertreter und nimmt in der Davis-Cup-Mannschaft Frankreichs deshalb eine besondere Rolle ein. In Begegnungen, in denen taktische Match-Ups entscheidend sind, kann der Kapitän mit Mannarino gezielt rechtshändige Topspin-Spieler aushebeln.

Auch in der Mixed-Doubles-Konstellation und im Einzel-Doppel-Aufgebot bietet Mannarino dem Kapitän eine seltene Variante. Er hat über die Jahre regelmäßig für das Nationalteam gespielt und sich auch dort den Ruf eines „Match-Spielers” erarbeitet – eines Profis, der in entscheidenden Momenten zwar selten überragt, aber nur sehr selten kollabiert.

Was Hobbyspieler von Mannarino lernen können

Auch wenn Mannarinos Stil im Profitennis als unzeitgemäß gilt, finden sich darin einige Lehren für den Hobby- und Vereinsspieler.

Timing schlägt Power. Wer den Ball früher trifft, raubt dem Gegner Zeit. Das ist eine universelle Wahrheit, die unabhängig vom körperlichen Talent funktioniert. Hobbyspieler, die ständig versuchen, härter zu schlagen, übersehen oft, wie viel Wirkung sie schon durch eine halbe Sekunde früheres Treffen erzielen können.

Variation als Waffe. Mannarinos Slice, seine flachen Linien und seine sparsame Verwendung von Topspin zwingen Gegner, sich permanent neu einzustellen. Für Vereinsspieler heißt das: Wer in jedem Ballwechsel dieselbe Schlagvariante spielt, macht es seinem Gegner zu einfach.

Materialwahl als individueller Faktor. Mannarinos extrem niedrige Saitenspannung ist nicht für jeden geeignet – sie verlangt sehr sauberes Timing. Aber der Grundgedanke, dass Bespannung und Schlägerprofil zur eigenen Spielweise passen müssen und nicht zur aktuellen Profimode, ist eine wichtige Erkenntnis. Wer einen flachen, kontrollierten Schlagstil bevorzugt, sollte nicht zwingend mit der gleichen straffen Bespannung spielen wie ein topspinlastiger Grundlinienspieler.

Langfristigkeit statt Strohfeuer. Mannarinos Karriere zeigt, dass Konstanz und Verletzungsmanagement im Tennis oft mehr wert sind als kurzfristige Spitzenleistungen. Wer mit 37 noch in den Top 50 steht, hat über fast zwei Jahrzehnte hinweg klüger trainiert als viele jüngere Konkurrenten. Auch im Hobbysport gilt: Wer länger gesund spielt, sammelt mehr Spielzeit, mehr Erfahrung und letztlich mehr Erfolge als jemand, der drei Saisons brilliert und dann verletzt aussetzt.

Mannarinos Bedeutung für das moderne Tennis

In einer Zeit, in der das Spitzentennis von Athletik, Power und High-Speed-Aufschlägen dominiert wird, ist Mannarino eine Erinnerung daran, dass der Tennissport mehr als eine richtige Spielweise kennt. Sein Erfolg widerlegt die These, dass nur Spieler mit extremen Topspin-Forehands und 200-km/h-Aufschlägen auf der Tour bestehen können. Stattdessen demonstriert er, dass Tennisintelligenz, frühes Timing und stilistische Eigenständigkeit auch im Jahr 2026 noch konkurrenzfähig sind.

Tennistrainer und Nachwuchscoaches verweisen inzwischen gelegentlich auf Mannarino, wenn sie jüngeren Spielern erklären wollen, dass es nicht nur einen Weg gibt, Tennis erfolgreich zu spielen. Die mittlerweile sehr standardisierte Akademie-Ausbildung bringt Spieler mit ähnlichem Schlagrepertoire hervor; Mannarino sticht hervor, gerade weil er nicht aussieht wie der Output einer modernen Trainingsphilosophie.

Was bleibt, wenn die Karriere endet?

Die Frage, wie lange Mannarino noch spielt, lässt sich seriös nicht beantworten. Er selbst hat sich bisher nicht auf ein Rücktrittsdatum festgelegt, und solange er körperlich fit bleibt und Spaß am Wettkampf hat, gibt es für ihn wenig Grund aufzuhören. Spieler wie Stan Wawrinka, Gaël Monfils oder Richard Gasquet haben gezeigt, dass auch jenseits der 35 noch konkurrenzfähige Jahre möglich sind, wenn das Stilkonzept zur eigenen Physis passt.

Wenn der Tag kommt, an dem Mannarino den Schläger niederlegt, wird er als einer der eigenwilligsten Stilkünstler seiner Generation in Erinnerung bleiben – kein Grand-Slam-Sieger, kein Weltranglistenerster, aber ein Spieler, der jahrzehntelang bewiesen hat, dass man im Tennis auch ohne brutale Power Spitzenleistungen erbringen kann. Das ist eine Botschaft, die im modernen Profisport selten zu hören ist und die seinen Status als Kultfigur einer eher leisen Schule des Tennis erklärt.

Fazit

Adrian Mannarino ist mehr als nur ein französischer Tennisprofi mittleren Alters mit ordentlichem Karrierekonto. Er ist eine spielerische Ausnahmeerscheinung, deren niedrige Saitenspannung, flache Schlagweise und Linkshänder-Mechanik in einem ansonsten weitgehend gleichförmigen Spitzenfeld eine willkommene Abwechslung bilden. Mit Karrierebestplatzierung 17, fünf ATP-Einzeltiteln und einer beachtlichen Bilanz auf Rasen- und Hartplätzen hat er sich einen festen Platz in der jüngeren Tennisgeschichte gesichert. Die Saison 2026 fordert ihn körperlich und sportlich heraus, doch wer Mannarino in den vergangenen Jahren beobachtet hat, weiß: Diesen Routinier vorzeitig abzuschreiben wäre ein Fehler. Solange er sich auf den Court stellt, bleibt er für jeden Gegner eine taktische Aufgabe – und für jeden Tennisfan ein Spieler, dem das Zusehen Freude macht.

Sources:

MW
Marco Weiss

Author of Leicht Gewandert. Sharing insights and practical tips on topics that matter.